Nutria-Experte in Ganderkesee Wer würde schon eine „Sumpfratte“essen?

Von Ole Rosenbohm

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„Man muss sich mit der Nutria arrangieren“: Andreas Schüring in der VHS. Foto: Ole Rosenbohm„Man muss sich mit der Nutria arrangieren“: Andreas Schüring in der VHS. Foto: Ole Rosenbohm

Ganderkesee. Wildtier-Experte und Naturfotograf Andreas Schüring glaubt nicht, dass Nutrias auszurotten sind. Deiche sollten mit Drahtnetzen vor den Nagern geschützt werden.

Kaum ein Tier – vielleicht nur noch der Wolf – steht mehr in der öffentlichen Diskussion als die Nutria. Niedersachsen etwa erlaubt seit diesem Jahr eine ganzjährige Jagd und hat zudem die Tötung von Muttertieren der an Wasserläufen lebenden Nager freigegeben – alles zum Schutz der Deiche, die von den in den vergangenen Jahren rasant vermehrten Pelztieren unterhöhlt werden können. 24000 Nutrias sollen allein in dieser Saison bereits geschossen worden sein.

Gefahr für Deiche

Trotz aller Debatten – viel wissen die wenigsten über die Nutria, sagt der Wildtierexperte und -fotograf Andreas Schüring. Dienstagabend informierte er in einem Vortrag auf Einladung des Naturschutzbundes NABU in der Ganderkeseer Regio-VHS über die ursprünglich nur in Südamerika angesiedelte Nutria.

Schüring bejaht die von den Nutrias ausgehende Gefahr für Deiche, sieht aber den Umgang mit dem Tier kritisch. Schön, wenn sie ganz wegzubekommen wären, sagt er: „Aber ich habe meine Zweifel, ob das möglich ist. Und wenn man die Ausrottung nicht erreichen kann, muss man sich anders arrangieren.“ Deiche mit Drahtnetzen schützen, sensible Bereiche von Nutrias freihalten. Notwendig dafür wäre ein gemeinsames Länder und Organisationen übergreifendes „Wildtiermanagement“. 40, 45 Zentimeter lang werden die Tiere, sie haben dazu einen rattenähnlichen Schwanz und zwei auffällige orange Schneidezähne. Wenn die Nutria schwimmt, schaut neben der Nase der Po aus dem Wasser – ein gut sichtbarer Unterschied zu den ähnlich aussehenden (und geschützten) Bibern.

Gewässer aufgewertet

Die meisten leben in Familienverbänden, sind monogam und fressen ständig Grünzeug. Ihre Bauten ragen bis zu vier Meter vom Wasserlauf ins Land, sorgen für Uferabstürze und Verdruss bei Bauern. Schüring aber sagt, dass die Untergrabung der Böschung die Gewässer eher aufwertet: Die Nutrias-Höhlen sorgten für eine langsamere Fließdynamik der kanalisierten Wasserläufe. Tier- und Pflanzenwelt würden gefördert. Weshalb Schüring meint, dass die Nutria kaum „auf Null“ zu bringen ist, hängt auch mit den warmen Wintern heutzutage zusammen. Denn obwohl das Tier höchst anpassungsfähig ist – ob Süß- oder Salzwasser ist ihm egal –, stirbt es in kalten Wintern massenhaft weg. Zudem hat ihre Anpassungsfähigkeit die Nutrias auch in die Städte getrieben. Sie könnten jedes geschaffene Populationsloch wieder auffüllen, sagt Schüring. Zwei- bis dreimal pro Jahr wirft ein Weibchen sechs Junge.

Nichts wird verwertet

Was der Winter nicht schafft, soll die Bejagung richten. Für Jäger oft keine schöne Sache, die in Fallen gefangenen Tiere zu schießen, sagt Schüring. Und jagd-ethisch fragwürdig: Denn von den Tieren wird nichts verwertet. Nicht der Pelz, wegen dem Nutrias nach Europa geholt und gezüchtet wurden, der aber völlig außer Mode ist. Und nicht das Fleisch, das zwar schmecken soll, sich aber ebenfalls nicht durchgesetzt hat. Das liege auch am Spitznamen, sagt Schüring: Zum Essen einer „Sumpfratte“ will niemand seine Freunde wirklich gerne einladen.


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