Mittelalterlyches Gedraengel Nordmänner und Folterknechte in Hengsterholz

Von Birgit Stamerjohanns

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Ganderkesee-Hengsterholz. Händler und Besucher loben die familiäre Atmosphäre beim „mittelalterlychen Gedraengel“. Schwertkämpfe und Feuershow sorgen für authentische Unterhaltung.

Guido der Folterknecht ist eigentlich ein hartgesottener Typ, aber nun jammert er geradezu erbärmlich. Aus gutem Grund, stecken doch seine Hände in einer sogenannten Schandgeige – hölzerne Handschellen, wie sie im Mittelalter Dieben und anderen Verbrechern bei der Festnahme angelegt wurden. In einem weiteren Loch klemmt der Kopf. Daneben schwingt Ritter Milosch bedrohlich sein Schwert, und der Marktvogt verkündet, welches Schicksal dem Gefangenen droht: „Wir wollen versuchen, ob wir ihn auf dem Sklavenmarkt verkaufen können, sonst wird er an den Pranger gestellt und geteert und gefedert!“ Guido der Folterknecht soll die Zeche geprellt und an der Taverne Unruhe gestiftet haben – bei so einem Vergehen kennt der Marktvogt kein Pardon.

Unterhaltung für zwischendurch

„Man muss eben zwischendurch für ein bisschen Unterhaltung sorgen“, erklärt der Marktvogt, der eigentlich Bahram Pasuki heißt und einer der Organisatoren des Mittelaltermarks in Hengsterholz ist. Er legt während des „mittelalterlychen Gedraengels“ Mitmenschen in Ketten, steckt Handgelenke in die Schandgeige oder macht „manch großes Geschrey“. Es soll schließlich authentische Stimmung aufkommen auf dem Festplatz, auf dem sich am Wochenende Mittelalterfans aus ganz Norddeutschland getroffen haben. Bahram Pasuki kommt aus Berne und ist zusammen mit seiner Frau Carola für den Aufbau und die Logistik des Marktes verantwortlich. „Es sind rund 24 Lagerer und Händler hier, dazu ungefähr 150 Personen Marktvolk,“, so der Organisator. Er und sein Team sind hoch zufrieden, insgesamt seien rund 1500 Gäste nach Hengsterholz gekommen, um sich das mittelalterliche Treiben anzusehen.

Komplett aus Spenden finanziert

Das Besondere am Hengsterholzer Mittelalter-Markt: Er kostet keinen Eintritt, wird nur aus Spenden finanziert. Anika Junge sorgt dafür, dass ein bisschen Geld in die Kasse kommt: Sie verteilt gegen eine Spende Wäscheklammern mit dem Aufdruck „Hengsterholz 2018“ – als Erinnerung an das „mittelalterlyche Gedraengel“. Natürlich ist die Zehnjährige nicht in Jeans und T-Shirt auf der Suche nach Geldgebern, sondern stilecht im Leinengewand. „Das macht sehr viel Spaß, einmal etwas anderes zu machen als sonst im Alltag“, erklärt die Bremerin, „ich bin gern hier draußen und liebe es, auf der Bogenbahn zu schießen.“ Ihr Großvater Bahram Pasuki und seine Frau bereiten derweil zusammen mit Freunden aus Bremerhaven und Baunatal ein zünftiges Essen zu: Hühnchen, das zusammen mit viel Knoblauch und Bier in einem großen Topf über dem offenen Feuer schmort. Das Besteck haben die Mittelalterfreunde zu Hause gelassen, hier essen sie mit Holzlöffeln, geschmiedeten Stäbchen und notfalls mit den Fingern.

„Tanea vom Auetal“ ist Altenpflegerin

Sylvia Karré aus Beverstedt ist eigentlich Altenpflegerin. Am Wochenende wird sie zu „Tanea vom Auetal“ und verkauft Schmuck und Accessoires aus Filz, Schreibfedern und selbst gestaltete Bücher. In diesem Jahr hat sie schon 15 Mittelaltermärkte besucht. „Ich mag das Mittelalter, und ich bin gern kreativ“, so die Händlerin, „hier kann ich beides verbinden.“ In Hengsterholz gefällt ihr die familiäre Atmosphäre.

Die familiäre Atmosphäre gefällt

Show-Schwertkampf: Robert Dunkelmann (links) und Angus der Nordmann kämpfen mit mittelalterlichen Waffen. Foto: Birgit Stamerjohanns

Die lobt auch Volker Hinz aus Delmenhorst, der aber lieber „Angus der Nordmann“ genannt werden will. Er ist, zumindest beim Mittelaltermarkt, der Sohn einer Schottin und eines Dänen und lebt im 10. Jahrhundert. Aus der selben Zeit stammt auch sein Wikingerschwert, mit dem er sich nun ein Gefecht liefert. Sein Gegner: Robert Dunkelmann aus Ganderkesee, der mit einem Malchus antritt, einem langen Messer aus dem 15. Jahrhundert. Blut fließt natürlich nicht, die beiden lassen die Waffen nur zum Spaß gegeneinander klirren – „Wir spielen“, nennt das Angus der Nordmann. Ihm gefällt der Markt in Hengsterholz: „Wir sind hier wie eine Großfamilie, man sieht Leute, die man sonst nicht so oft trifft.“ Im kommenden Jahr soll es das Treffen in Hengsterholz wieder geben, und auch dann wollen die Veranstalter auf Eintritt verzichten.


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