Vor 70 Jahren gegründet Wichernstift gab Heimatlosen ein neues Zuhause

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Elmeloh. Das Wichernstift ist erst seit 1959 in Elmeloh beheimatet. Zuvor in Adelheide waren es vor allem durch den Krieg elternlos gewordene Kinder, die in der Einrichtung neuen Halt erfuhren.

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren für unzählige Kinder und Jugendliche, die durch Flucht und Vertreibung auch ihre Familien verloren hatten, besonders bedrückend. Ihnen einen Halt, eine neue Heimat und Zukunftsperspektiven zu geben – aus dieser Motivation heraus ist vor 70 Jahren das Evangelisch-lutherische Wichernstift gegründet worden. Seit 1959 ist es auf dem Gelände des alten Guts Elmeloh an der Oldenburger Straße angesiedelt. Die diakonische Einrichtung hat sich nach den durch die Kriegsfolgen geprägten Anfängen zum modernen Unternehmen mit sozialen Aufgaben von der Jugendhilfe bis zur Altenbetreuung und mit mehr als 400 Mitarbeitern entwickelt.

Auch Katholiken an Gründung beteiligt

Gegründet wurde das Wichernstift am 1. September 1948 in Delmenhorst-Adelheide. Um das Problem der jungen Eltern- und Heimatlosen, der „wandernden Jugend“, in den Griff zu bekommen, hatte die britische Besatzungsmacht im Frühjahr jenes Jahres dem Evangelischen Hilfswerk und dem Caritasverband der Katholiken angeboten, den ehemaligen Fliegerhorst Adelheide in ein christliches Jugenddorf umzuwandeln.

Zwar gab es anfangs Bedenken, die weitläufigen Anlagen unterhalten zu können. Doch das Wagnis wurde eingegangen: Heute vor 70 Jahren unterzeichneten Vertreter der Landeskirche Hannover und des Bistums Hildesheim den Vertrag mit dem Oberfinanzpräsidenten Hannover als zuständiger Behörde. Als Träger des Jugenddorfes mit 33 Gebäuden, Garagen und 45 Hektar landwirtschaftlicher Fläche wurde neben dem Wichernstift auch das Katholisches Jugendwerk St. Ansgar gegründet.

„Hof der wandernden Jugend“

Im Christlichen Jugenddorf Adelheide zogen im Oktober 1948 die ersten jungen Heimatlosen in den „Hof der wandernden Jugend“ ein. Außerdem kamen Jungen mit Erziehungsproblemen im „Knabenhof“ des Jugenddorfes unter. Im August 1949 war die Zahl der aufgenommenen Heimatlosen auf 2000 angewachsen, darunter 58 Mädchen. Im Jugenddorf erfuhren sie die Betreuung und Ausbildung, die ihnen trotz des persönlichen Schicksals berufliche Türen öffnete. Wer der Heimschule entwachsen war, konnte im Lehrlingsheim und in Lehrwerkstätten eine Berufsausbildung aufnehmen. Andere bereiteten sich im Abiturlehrgang auf die Reifeprüfung vor.

Sowohl die Landwirtschaft als auch die Industrie entdeckten das Arbeitskräftepotenzial der Heranwachsenden in Adelheide. Unter anderem Nachwuchs für den Kohlebergbau sollte hier rekrutiert werden, und so wurde 1949 mit der Schulung von 30 angehenden Berglehrlingen begonnen. Sie wohnten im „Glückauf-Haus“. Auf dem Gelände des Jugenddorfes wurde eigens ein Musterschacht eingerichtet.

Altenheim kam 1949 hinzu

Weitere Bereiche kamen hinzu: Ein Erholungsheim wurde eingerichtet, eine orthopädische Klinik bot Hilfe für Kinder, die unter Knochentuberkulose litten, und das Altenheim verfügte ab 1949 über 85 Plätze.

Die „jugendlichen Wanderer“ begegneten den Erwachsenen oftmals mit Misstrauen und mussten sich erst an ein streng geregeltes Leben gewöhnen – die Wochentage begannen schon um 5.30 Uhr mit einem Choral. Jeweils zehn bis zwölf Jugendliche bildeten eine Zimmergemeinschaft. 1952 konnte die Arbeit mit der „wandernden Jugend“ abgeschlossen werden. Stattdessen wurde die Erziehung verhaltensauffälliger Jugendlicher in sechs Heimen pädagogisch intensiviert und psychologisch begleitet.

Bundeswehr beanspruchte das Gelände für sich

Als die Bundeswehr den früheren Fliegerhorst für sich beanspruchte, musste das bisher gepachtete Gelände aufgegeben werden. Stattdessen ging das Gut Elmeloh in den Besitz des Wichernstifts über. Die katholische Seite verlegte ihr Jugendwerk nach Siegburg. Elmeloh wurde zur Großbaustelle. Der Umzug des Wichernstifts erfolgte schrittweise. Im März 1959 konnten die Senioren in das neue Altenheim umziehen. Am 11. Oktober 1960 wurde im neuen Wichernstift Einweihung gefeiert.


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