„Fly“ und „Jessi“ engste Mitarbeiter Arbeit mit Schafen ohne Hunde für Ganderkeseer undenkbar

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Die Hunde halten die Schafe im Straßenverkehr zusammen, treiben Ausreißer zurück und sorgen dafür, dass es zügig vorangeht. Foto: Bettina Dogs-PrößlerDie Hunde halten die Schafe im Straßenverkehr zusammen, treiben Ausreißer zurück und sorgen dafür, dass es zügig vorangeht. Foto: Bettina Dogs-Prößler

Ganderkesee. Karl-Heinz Becker aus Ganderkesee ist Schäfer. Um die Schafe händeln zu können, braucht er Hunde, die ihn bei seiner Arbeit unterstützen: „Fly“ und „Jessi“ sind seine engsten Mitarbeiter.

Noch liegt „Fly“ entspannt auf der Terrasse und döst in der Sonne. Es ist neun Uhr morgens, das Thermometer zeigt bereits 24 Grad, und die zweieinhalbjährige Hündin schont wie auch die sieben Jahre ältere „Jessi“ ihre Kräfte. Doch gleich wird es mit der beschaulichen Ruhe vorbei sein. Dann wird sich der Schalter der bislang so ausgeglichen herumliegenden Hunde in Sekundenschnelle umlegen. Schlagartig. Von Pausenmodus auf Maximalpower.

Unkomplizierte Schafherde

„Fly“ und „Jessi“ sind keine gewöhnlichen Hunde: Die beiden Hündinnen sind Karl-Heinz Beckers engste Mitarbeiter. „Ohne Hunde wäre meine Arbeit mit den Schafen undenkbar“, sagt der 63-Jährige. Seit 35 Jahren hält der Ganderkeseer Deutsche Schwarzkopf, eine Fleischrasse, die als sehr unkompliziert in der Haltung gilt. Was mit einem Tier in Jugendjahren anfing, hat sich im Laufe der Zeit zu einer imposanten Herde von mehreren Hundert entwickelt. Und um die händeln zu können, braucht der passionierte Schäfer Hunde, die ihn bei seiner Arbeit unterstützen.

Viel im Straßenverkehr unterwegs

Doch es dauert, bis die vierbeinigen Helfer zu zuverlässigen Mitarbeitern werden. „Zwei bis drei Jahre muss man schon rechnen“, schildert Becker. Meistens hat er zwei bis drei Hunde gleichzeitig: einen erfahrenen alten, einen fertigen jungen und einen kleinen, der noch am Anfang seiner Ausbildung steht. An die 20 der unterschiedlichsten Rassen haben ihn in seiner Zeit als Hobbyschäfer schon begleitet. Mit „Fly“ und „Jessie“ gehen ihm aktuell zwei Border Collies zur Hand, Nachwuchs „Max“ dagegen ist ein Altdeutscher Hütehund, wie schon zwei seiner Hunde zuvor. „Die treiben anders als die Border Collies“, sagt Becker. Enger an den Schafen, weniger in großen Bögen. „Für den Straßenverkehr ist das besser. Und wir sind viel im Straßenverkehr unterwegs.“ Die Hunde halten die Schafe dabei zusammen, treiben Ausreißer zurück und sorgen dafür, dass es zügig vorangeht.

Von Autos angefahren

Nicht immer geht das für Becker und seine Tiere gut aus. Sechs Hunde hat er verloren, weil sie von Autos angefahren wurden. Zwei andere sind unter einen Zug gekommen, darunter die erste „Fly“, die beste Hütehündin, die er bislang hatte. So idyllisch das Umherziehen mit den Schafen für Außenstehende aussehen mag, für Schaf, Hund und Schäfer birgt es hohe Risiken. Der Verlust eines Hundes wiegt nicht nur mental schwer, Becker verliert dadurch auch Helfer von unschätzbarem Wert. Ein neuer Hund muss langwierig ausgebildet werden, und nicht immer werden aus vielversprechenden Welpen gute Hütehelfer. Entpuppt sich ein Hund als ungeeignet, versucht Becker für das Tier in ein neues, gutes Zuhause zu finden, das besser zum Hund passt als er und seine Schafe. „Es gibt talentierte und weniger talentiertere, das ist wie bei uns Menschen“, schildert Becker. „Und ich tue dem Hund keinen Gefallen, wenn ich von ihm etwas verlange, was er nicht kann.“

Intensive Ausbildung

Doch erst im Alter von etwa sechs Monaten zeigt sich, ob die Hunde für die Schafsarbeit geeignet sind oder nicht. Weitere sechs Monate dauert es, bis die eigentliche Hüteausbildung beginnt. Bis dahin läuft der Hund sporadisch an den Schafen mit und lernt lediglich einfache Kommandos, die auch jeder Haushund beherrschen sollte: welche fürs Herankommen, Hinsetzen und Hinlegen.

Ansprache statt Pfiff

Becker arbeitet weder mit englischen Kommandos noch mit einer bestimmten Pfiffabfolge, wie es oft andere Schäfern tun. „Ich spreche mit meinem Hund. Und auch die Hunde verstehen, was ich von ihnen will.“ So wie „Fly“ und „Jessi“. Die beiden Hündinnen, die gerade noch so entspannt die Ruhe genossen haben, sind wie ausgewechselt, als Becker die Schafherde erreicht. Mit einem Satz hechten sie über den mobilen Zaun und haben nur noch eines im Sinn: hüten und die Schafe dahin treiben, wo sie Karl-Heinz Becker hinhaben will. Denn genau dazu sind „Fly“ und „Jessi“ gemacht – und ganz offensichtlich ist das auch ihre ganze Leidenschaft.


Hütehunde sind Arbeitshunde, die ursprünglich dazu gezüchtet wurden, Herden von einer Weide auf die andere zu treiben, abtrünnige Tiere wieder zurückzubringen oder einzelne Tiere zu separieren. Je nach Herkunftsland wurden die Hunde für unterschiedliche Aufgaben gezüchtet, allen gemein ist jedoch ein ausgeprägter Arbeitswille sowie ein gewisses Maß an Eigenständigkeit im Denken. Hütehunde gelten als sehr intelligent, die zwingend auch geistige Auslastung brauchen. Aus Deutschland kommen die Altdeutschen Hütehunde, die es in unterschiedlichen Schlägen gibt. Weil es kaum noch Wanderschäfer gibt, sind Altdeutsche Hütehunde vom Aussterben bedroht.

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