Landwirtschaft in Ganderkesee Mastbetriebe stecken in der Kostenfalle

Von Reiner Haase

Herr über 1200 Schweine: Cord Schütte führt von seinem Hof in der Ganderkeseer Bauerschaft Hollen aus einen Mischbetrieb mit Rindvieh, Schweinen und 185 Hektar Grün- und Ackerland. Foto: Reiner HaaseHerr über 1200 Schweine: Cord Schütte führt von seinem Hof in der Ganderkeseer Bauerschaft Hollen aus einen Mischbetrieb mit Rindvieh, Schweinen und 185 Hektar Grün- und Ackerland. Foto: Reiner Haase

Ganderkesee. Die Ausgaben steigen, die Erlöse gehen tendenziell nach unten: Schweinehalter stecken in der Kostenfalle. Den Kleinen werde „die Musik vorgegeben“, klagt Landwirt Cord Schütte.

Zwei Kilo Fleisch für die Grillparty für zehn Euro, und die Servierplatte im Wert von sechs Euro gibt’s gratis dazu: Mit diesem Angebot umwirbt in dieser Woche ein großer Lebensmittelhändler die Kunden. Dem Erzeuger Cord Schütte fällt dazu nur ein Wort ein: „Wahnsinn.“

Tanz auf Rasierklinge

Das meint der Landwirt mit Hof in der Bauerschaft Hollen in der Gemeinde Ganderkesee nicht als Anerkennung für eine Kalkulation, die Produkte vielleicht auch von seinem Hof verbraucherfreundlich auf den Markt bringt. Solche Preise, im Einzelhandel kein Einzelfall, zwingen ihn betriebswirtschaftlich zu einem Tanz auf der Rasierklinge.

Für Schütte hat sich der Schweinefleischpreis pro Kilo Schlachtgewicht auf dem niedrigen Niveau von rund 1,40 Euro eingependelt. In der Branche sei zu hören, dass der Erlös für die Erzeuger bis November auf 1,10 bis 1,20 Euro sinken könnte. Andererseits hat er Futter gerade erst wegen der dürrebedingten Ernteausfälle zu 15 Prozent höherem Preis eingekauft als bei der Bestellung davor.

Marktwirtschaft ohne Soziales

Schüttes Rinder und Schweine gelangen, soweit sie nicht mit dem Umweg durch einen kleinen Schlacht- und Zerlegebetrieb in Seckenhausen in Müllers Wurstdiele in Heide landen, über den Raiffeisen Viehverbund (RVV) auf den Markt. Mit dem Ganderkeseer RVV-Geschäftsführer Josef Wigger ist sich Schütte einig, dass Einiges auf dem Weg vom Erzeuger zum Verbraucher aus dem Ruder gelaufen ist und weiter aus dem Ruder läuft. „Die Marktwirtschaft ist durchgesetzt. Das Soziale ist hinten runtergefallen“, sagt Wigger.

Große geben Musik vor

Der RVV-Geschäftsführer und der Landwirt bemängeln die Preisfindung für den Einzelhandel. „Erst handeln die Erzeugerverbände mit dem Lebensmitteleinzelhandel einen vernünftigen Preis aus, und dann haut der Marktführer mit einem Hauspreis dazwischen“, sagt Wigger. „Der für uns ausgehandelte Preis ist dann nicht mehr zu erzielen“, ergänzt Schütte. Den Namen des Marktführers hält Wigger nicht hinterm Berg. Die Tönnies-Gruppe mit Stammsitz in Westfalen, mit Schlachthöfen und Verarbeitungsbetrieben habe 40 Prozent Marktanteil erobert. „Das alte Polypol auf dem Fleischmarkt ist zum Oligopol geworden“, so Wigger. „Die geben uns Kleinen die Musik vor“, fügt Schütte an.

Verzerrter Wettbewerb

Wenn männliche Ferkel, wie im Tierschutzgesetz festgelegt, ab Januar 2019 nicht mehr betäubungslos kastriert werden dürfen, gehe der Tierarzt bei ihm ein und aus, sagt Schütte voraus. Das treibe seine Kosten weiter nach oben. Die Politik setze Tierwohlstandards, die bei den Mitbewerbern auf dem Markt mit Betrieben in Dänemark und den Niederlanden nicht gälten.

Zu viele zu große Ställe

Die teils vom Handel übernommene Verbraucher-Forderung nach mehr Tierwohl und die „Geiz ist geil“-Mentalität passen für Schütte nicht unter einen Hut. Vom neuen Düngerecht erhofft er sich Auswirkungen auf die Bestandsdichte in Südoldenburg, im Münsterland und in Westfalen: „Da sind wirklich zu viele und zu große Ställe gebaut worden.“ Kapazitätsabbau wäre zeitgemäß: Der Pro-Kopf-Verbrauch ist laut Wigger von 53,6 Kilo Fleisch im Jahr 2014 auf 49,6 Kilo gesunken.


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