Tatorte Wildeshausen und Lohne Urteil in Prozess um 527 illegale Werkarbeiter in Fleischfabriken

Von Ole Rosenbohm

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Zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden ist gestern ein Mann, der für Fleischfabriken Landsleute ohne Arbeitsgenehmigung organisiert hat. Moralisch saßen aber auch die Konzerne auf der Anklagebank. Symbolfoto: David-Wolfgang Ebener/dpaZu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden ist gestern ein Mann, der für Fleischfabriken Landsleute ohne Arbeitsgenehmigung organisiert hat. Moralisch saßen aber auch die Konzerne auf der Anklagebank. Symbolfoto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Oldenburg/Wildeshausen/Lohne Zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden ist gestern ein Mann, der für Fleischfabriken Landsleute ohne Arbeitsgenehmigung organisiert hat. Moralisch saßen aber auch die Konzerne auf der Anklagebank.

Auf der Anklagebank des Landgerichts Oldenburg saß ein 49 Jahre alter Vater von fünf Kindern. Er hatte, gab er zu, von Ende 2007 bis Februar 2009 insgesamt 527 Menschen aus seinem Heimatland Bulgarien an die Fleischverarbeitungsfabriken von Wiesenhof in Lohne und Geestland in Wildeshausen vermittelt – ein Verstoß gegen das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz.

Ausgestattet waren die Leiharbeiter mit Werkverträgen, galten also als Selbstständige. Gearbeitet aber haben sie wie normale Angestellte – untergeordnet einem Vorarbeiter, bei dem sie sich krank meldeten oder Urlaub einreichten. Normale Arbeitnehmer, nur viel schlechter bezahlt.

Zoll: 293.000 irreguläre Arbeitsstunden geleistet

Der Zoll errechnete 293.000 irreguläre Arbeitsstunden, die seine von ihm vermittelten Männer und Frauen geleistet haben. Der Angeklagte besaß Unternehmen in Bulgarien, die einzig das Ziel hatten, Arbeitnehmer illegalerweise in die deutsche Fleischindustrie zu vermitteln. Er wurde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt.

Angeklagter erhält nur eine geringe Strafe

Eine geringe Strafe, weil sich der Angeklagte voll geständig zeigte und der Fall schon so lange her war. Er sei nur ein Rädchen im System gewesen, sagte die Richterin. Zwar ein wichtiges, aber sein Gewinn sei deutlich geringer gewesen als bei den darüber liegenden Stufen.

Moralisch sitzen die Fleischkonzerne mit auf der Anklagebank

Viel mehr Vorwürfe in diesem Prozess wurden von Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Richterin an die Konzernspitze von Wiesenhof erhoben, die eigentliche Profiteurin dieses Systems.

So lief das Geschäft: Der Bulgare organisierte in seiner Heimat die Arbeiter und unterzeichnete dann mit den Firmen ZVS sowie GNV Werkverträge für das Verarbeiten oder Würzen von Puten. ZVS und GNV wiederum waren Partner von Wiesenhof, in deren Betrieben die bulgarischen Arbeiter – zusammen mit vielen anderen aus Osteuropa – zum Einsatz kamen. Entlohnt wurde der 49-Jährige offiziell pro Kilogramm verarbeitetem Fleisch. In Wirklichkeit aber, fand der Zoll heraus, wurden Stundenlöhne bezahlt.

Staatsanwalt: Konzerspitzen wahre Profiteure

Und zwar nicht wirklich hohe: Vier Euro die Stunde plus Unterkunft bekam ein bulgarischer Arbeiter vom Angeklagten. Der erhielt pro Stunde und Arbeiter etwas über 6,50 Euro von ZVS oder GNV. Und für diese beiden Unternehmen hatte Wiesenhof 9,50 pro Stunde und Arbeiter übrig. Das sei, sagte der Staatsanwalt angesichts von viel höheren Lohnkosten für regulär Angestellte, wohl nicht zu viel. Die wahren Gewinner, folgerten er und die Verteidigung, sitzen in der Konzernspitze.


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