Nach tödlichen Beißvorfällen Kein Generalverdacht für Hunderassen in Ganderkesee

Von Bettina Dogs-Prößler

Die einjährige Skyler ist ein Staffordshire-Terrier-Mischling und lebt derzeit im Tierheim Bergedorf. „Eine absolut liebe Hündin“, sagt Tierheim-Chef Marc Ungnade (2. v. links). Foto: Bettina Dogs-PrößlerDie einjährige Skyler ist ein Staffordshire-Terrier-Mischling und lebt derzeit im Tierheim Bergedorf. „Eine absolut liebe Hündin“, sagt Tierheim-Chef Marc Ungnade (2. v. links). Foto: Bettina Dogs-Prößler

Innerhalb weniger Tage sind in Hannover und im Odenwald drei Menschen durch ihren eigenen Hund getötet worden. In beiden Fällen waren es Staffordshire-Terrier-Mischlinge, die zubissen. Sie gehörten in Niedersachsen bis 2003 zu den sogenannten „Listenhunden“.

„In der Gemeinde Ganderkesee machen wir keine Unterschiede, was die Rasse angeht“, sagt Gemeindesprecher Hauke Gruhn. Während Hunde wie Pitbull und American Staffordshire Terrier in der Nachbarstadt Delmenhorst nur mit gesonderter Erlaubnis gehalten werden dürfen, und für sie ein viermal so hoher Steuersatz gilt, heißt es in Ganderkesee: Alle Hunde sind gleich. Auflagen gibt es erst, wenn ein Tier tatsächlich auffällig geworden ist.

Diskussion um die Kontrolle von Hunden

Doch die tödlichen Beißvorfälle in Hannover und Hessen haben die Diskussion um die Kontrolle von als gefährlich geltenden Hunderassen neu entfacht. Denn: Obwohl Neuhundehalter in Niedersachsen seit 2013 den „Hundeführerschein“ vorweisen müssen, wird dieser kaum kontrolliert.

„Wird bei uns ein neuer Hund angemeldet, muss auch der Sachkundenachweis vorgelegt werden“, teilt Gemeindesprecher Hauke Gruhn mit. Der aber besteht aus zwei Teilen: einem theoretischen und einem praktischen. Während der Theorieteil laut Niedersächsischem Hundegesetz vor der Anschaffung eines Hundes abgelegt werden muss, hat man für den praktischen Teil bis zu einem Jahr danach Zeit. Und die Möglichkeit, ihn auch mit einem fremden Hund abzulegen. Wie erfolgreich man allerdings dabei war und ob man den Praxisteil überhaupt noch gemacht hat, kontrolliert niemand. Gruhn: „Eine Kontrolle erfolgt erst, wenn ein Hund auffällig geworden ist.“

Expertin: „Hundeführerschein wirkungslos“

Dass Hundehalter seit dem Hundeführerschein besser mit ihrem Hund umgehen können, sieht Ute Mahlstedt nicht. „Das hat nicht viel gebracht“, so die Inhaberin der gleichnamigen Hundeschule in Schönemoor. Noch immer seien viele nicht in der Lage, das Verhalten ihres Hundes richtig einzuschätzen. „Oder überhaupt das Ausmaß des Verhaltens des Hundes zu überblicken.“ Langjährige Erfahrung könne nicht so einfach durch einen Hundeführerschein ersetzt werden.

Trotzdem begrüßt die 56-Jährige die niedersächsische Regelung, dass Hunde erst als gefährlich eingestuft werden, wenn sie tatsächlich auffällig geworden sind. „Wir bekommen das Problem nicht in den Griff, indem wir bestimmte Rassen unter Generalverdacht stellen“, so die Hundetrainerin. Auch wenn Hunde wie American Staffordshire oder Pitbull Terrier, aber auch Schäferhund und Rottweiler, aufgrund ihrer Zuchtgeschichte andere Hunde seien als Labrador oder Pudel: „Es spielt vor allem eine Rolle, wie der Hund erzogen wurde“, so Mahlstedt.

Eine andere Hemmschwelle als andere Hunde

Das sieht auch Marc Ungnade so. Aktuell sitzen zehn sogenannte Kampfhunde verschiedener Rassen in seinem Tierheim in Bergedorf, mit vielen Staffordshire Terriern, Pitbulls oder Bullterriern hat er in den vergangenen Jahren gearbeitet. „Wir hatten teilweise schon sehr aggressive Hunde darunter, die sich aber alle nach zwei, drei Wochen bei uns zum Positiven geändert haben“, so Ungnade. „Derartige Rassen haben zwar durchaus eine andere Hemmschwelle als andere Hunde. Aber es spielt vor allem auch immer das gesamte Umfeld eine Rolle, ob das Tier auffällig wird oder nicht.“ Zuständig für die Beurteilung gefährlicher Hunde ist der Landkreis. Er hat seit 2017 drei Tiere als aggressiv eingestuft, insgesamt wurden in diesem Zeitraum zehn als auffällig gemeldete Hunde begutachtet. „Allerdings“, so Pressesprecher Oliver Galeotti, „die im medialen Interesse stehenden Rassen waren nicht darunter.“