Schiedsmann Hans Fingerhut In Ganderkesee muss niemand gleich zum Kadi

Von Alexandra Wolff

Der Ganderkeseer Schiedsmann Hans Fingerhut erläutert den Antrag für ein Schiedsverfahren. Foto: Alexandra WolffDer Ganderkeseer Schiedsmann Hans Fingerhut erläutert den Antrag für ein Schiedsverfahren. Foto: Alexandra Wolff

Ganderkesee. Wenn der Knall-Erbsen-Strauch über den Maschendrahtzaun wächst, sollte niemand gleich den Richter bemühen. Da kann oft schon ein Schiedsmann weiterhelfen. In Ganderkesee hat Hans Fingerhut dieses Amt inne.

Wenn zwei sich streiten, hilft Hans Fingerhut. Seit acht Jahren ist er ehrenamtlicher Schiedsmann in der Gemeinde Ganderkesee, davor war er als stellvertretender Schiedsmann tätig. Und davor – allerdings hauptamtlich – als Verfahrenstechniker für Raumfahrtelektronik. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind jetzt auf der Internationalen Raumstation ISS zu finden. „Die Technik dafür muss möglichst klein und leicht sein, weil so eine Rakete ja nur ein bestimmtes Gewicht ins All transportieren kann“, erläutert Fingerhut. Hört sich kniffelig an, ist es auch – Problemlösung beherrscht Fingerhut also aus dem Effeff. Eine wichtige Kompetenz für einen Schiedsmann.

„Als mich vor gut zehn Jahren jemand aus dem Rat fragte, ob ich nicht stellvertretender Schiedsmann werden will, wusste ich gar nicht, was das ist“, schmunzelt Fingerhut. „Also habe ich einfach den damaligen Schiedsmann gefragt.“ Er spricht viel von seinem Vorgänger Jürgen Brümmer. Die Frage, ob er viel von ihm gelernt hat, beantwortet er sofort mit einem zackigen: „Klar! Als ich sein Stellvertreter war, sind wir ja oft gemeinsam zu Schulungen gefahren und nach Oldenburg zu Treffen des Bundes Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen. Man unterhält sich auch über Fälle.“ Dabei dürfen Schiedsleute natürlich keine Namen nennen, weiß Fingerhut. „Gerade in hier muss man aufpassen. Ganderkesee ist ja ein Dorf.“

Bei aller Vorbildfunktion hat sich Fingerhut aber auch von seinem Vorgänger abgenabelt: „Er hat anders gearbeitet, als ich es jetzt tue. Tür-und-Angel-Gespräche mache ich nicht“, nennt Fingerhut als Beispiel. Das heißt, der Schiedsmann geht nicht in dem Garten, um den Überwuchs und den damit verbundenen Ärger anzuschauen, um sich ein eigenes Urteil zu machen. Denn Schiedsleute urteilen nicht – sie schlichten.

Überwuchs ist das häufigste Problem

„Im vergangenen Jahr gab es eine einzige Beleidigung, mal eine Belästigung und auch mal Sachbeschädigung“, zählt Fingerhut weitere Beispiele auf. „Überwuchs über die Grundstücksgrenze ist der häufigste Fall.“ Deswegen hat Fingerhut auch im Herbst und Winter Hochsaison. „Eine Verhandlung sollte innerhalb von einen halben Jahr abgeschlossen sein“, erläutert der 70-Jährige. „Und da Überwuchs nicht im Frühjahr beseitigt werden sollte, lasse ich solche Anträge auf Herbst oder Winter verschieben.“

„Zunächst rufen die Leute bei mir an und dann lade ich sie zu mir ein, um einen Antrag für ein Schlichtungsverfahren zu stellen“, beschreibt Fingerhut seine Arbeit. Wenn die beiden Parteien dann zusammenkommen, achtet Fingerhut darauf, dass sie nebeneinandersitzen und der Schlichter ihnen gegenüber. „Wenn sie einander gegenüber sitzen würden, wären sie gezwungen, einander ständig in die Augen zu sehen. Und dann kochen die Emotionen schneller hoch.“ Dabei soll das Gespräch ja sachlich und in unkomplizierter Atmosphäre vonstattengehen.

Ziel des Gesprächs ist ein Vergleich, also eine einvernehmliche Einigung. Im Falle des über den Zaun gewachsenen Astes bedeutet dies zumeist, dass der Baumbesitzer bis zu einem bestimmten Termin den Ast absägen muss. Den Termin verhandeln die Streitparteien. Das Amtsgericht prüft nach Ablauf der Frist, ob die Maßnahme tatsächlich eingehalten wurde.

Gute Erfolgsquote

„Im vergangenen Jahr hatte ich 18 Fälle und davon waren nur sieben nicht erfolgreich“, sagt Fingerhut zu seiner Statistik. „Es gab einen Fall, da habe ich den ‚Beschuldigten‘ zwei oder drei Mal geladen, aber er ist nicht gekommen.“ In so einem Fall bleibt eben doch nur der Gang vors Amtsgericht.

Laut Flyer „Schlichten ist besser als richten“ des Niedersächsischen Schiedsamtes „werden über die Hälfte der Verfahren zur Zufriedenheit aller Beteiligten abgeschlossen“. Fingerhuts Schlichtungsquote ist also durchaus hoch. Das Erfolgsrezept des Schiedsmannes aus Ganderkesee? „Meistens frage ich: ‚Wie würden Sie an seiner Stelle denken?‘ Dank dieses Perspektivwechsels sehen tatsächlich viele Menschen ein, dass sie sich nicht korrekt verhalten haben und geben nach“, sagt Fingerhut. „Aber man muss Glück haben, um die richtigen Argumente zu finden.“