Acht Kinder in freier Natur Waldklasse in Ganderkesee lernt auch bei neun Grad minus draußen

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Sie lernen bei Wind und Wetter in der freien Natur: die Mädchen und Jungen der Waldklasse in Hollen mit ihren Lehrerinnen Frauke Gerdes-Röben (links) und Wiebke Vörding. Foto: Thomas DeekenSie lernen bei Wind und Wetter in der freien Natur: die Mädchen und Jungen der Waldklasse in Hollen mit ihren Lehrerinnen Frauke Gerdes-Röben (links) und Wiebke Vörding. Foto: Thomas Deeken

Hollen. Acht Kinder im Alter zwischen sechs und neun Jahren besuchen die Waldklasse der Förderschule am Habbrügger Weg. Sie lernen bei Wind und Wetter in freier Natur in Hollen – auch bei den derzeit eisigen Temperaturen.

Es ist bitterkalt. Minus neun Grad. Dazu ein scharfer Ostwind. Doch das scheint den sechs bis neun Jahre alten Kindern im Großen Middelhop in der Nähe des Regionalen Umweltzentrums (RUZ) Hollen kaum etwas auszumachen. Sie toben montags bis freitags bei Wind und Wetter in dem kleinen Wald herum. Und sie lernen dabei. Denn Jennifer, Isabell, Jack, Tamme, Levi, Alexander, Sophie und Leon sind Schüler der Waldklasse der Förderschule am Habbrügger Weg – Kinder, „die in der sozialen Entwicklung Stolpersteine hatten und deshalb besondere Unterstützung brauchen“, sagt Förderschullehrerin Wiebke Vörding, die die Waldklasse im August 1999 ins Leben gerufen und auch das Konzept dafür geschrieben hatte. Sie unterrichtet gemeinsam mit Frauke Gerdes-Röben die derzeit acht Mädchen und Jungen aus der Gemeinde Ganderkesee.

Immer in Bewegung bleiben

Jeden Schultag werden die Kinder bis zur Eichenallee in Hollen gebracht, wo sie von ihren Lehrerinnen abgeholt werden, um mit ihnen gemeinsam ins große Waldklassenzimmer zu gehen. Und zwar in der „Glückskindreihe“, in der jedes Kind einmal ganz vorne laufen darf. Im Wald steht ein Bauwagen, der aber so gut wie nie als Unterrichtsraum, sondern vor allem als eine Art Material- und Aufbewahrungswagen genutzt wird. Es gibt ein paar kleine Holztische zum Lernen und einen Tisch mit einem Segel drüber, an dem die Kinder zumindest etwas geschützt frühstücken können. Ansonsten bedeutet der Unterricht in der freien Natur für Kinder und Lehrkräfte gerade im Winter: warm anziehen und auch beim Lernen möglichst immer in Bewegung bleiben.

„Ritualisierte Woche“

„Wir haben eine ritualisierte Woche“, informiert die 50 Jahre alte Wiebke Vörding. Montags geht es zunächst für zwei Stunden in den Wald und danach für zwei Stunden zum Schwimmen ins Hallenbad. Dienstags bis freitags werden Gedichte und Lieder gelernt, und es gibt Lesen, Schreiben, Sachunterricht, Kunst und Mathematik – möglichst verbunden mit der Natur. So sollen die Kinder beispielsweise ausrechnen, wie viele Augen zwei Vögel und wie viele Schnäbel acht Vögel haben. Und es werden Zahlen an die Bäume geschrieben, die die Kinder ansteuern sollen.

Keine Über- und Unterforderung

Darüber hinaus gibt es täglich die Frage nach dem aktuellen Datum, Gleichgewichtstraining und alles rund um die Natur. „Die Kinder haben inzwischen ihren Wald liebgewonnen und wollen ihn schützen“ weiß Klassenlehrerin Vörding. Und ihre Kollegin ergänzt: „Jedes Kind kann seine Erfahrung machen. Es wird nicht über- und auch nicht unterfordert.“

Natur als Lehrmeister

„Hier können wir mit Stöcken spielen und auch schnitzen“, sagt Levi. Jack hat Spaß daran, auf Bäumen zu reiten und den „Wichtelwald“ zu erobern. Und Isabell findet es toll, dass sie gelernt hat, Tierspuren zu erkennen. Dazu Wiebke Vörding: „Die Natur ist der beste Lehrmeister, den wir haben.“ Außerdem freuen sich beide Lehrerinnen darüber, dass sie große Unterstützung durch die Landwirte Cord Schütte und Dirk Meiners erfahren, deren Tiere die Mädchen und Jungen streicheln und füttern dürfen. Darüber hinaus hilft Ulrich Lehrfeld donnerstags als Lesepate und montags, wie er sagt, als „Wassermann“ im Schwimmbad.

Zusammenarbeit mit Grundschule Dürerstraße

Die Waldklasse gehört zwar zur Förderschule am Habbrügger Weg, Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, arbeitet aber auch eng mit der Grundschule Dürerstraße zusammen. Denn wenn die Kinder ausnahmsweise wegen Sturm oder Gewitter nicht in den Wald dürfen, wird an der Dürerstraße unterrichtet. Dort beteiligen sie sich auch an Sportfesten und anderen Schulaktionen. Außerdem nehmen einige von ihnen nach Schulschluss auch das Betreuungsangebot an der Schule wahr.

Lernen „im Paradies“

Ein bis drei Jahre bleiben die Kinder in der Waldklasse und wechseln dann in die jeweiligen Grundschulen der Gemeinde. „Das klappt nahtlos“, weiß Wiebke Vörding, die stets ein Feedback erhält, wie es mit den Kindern weitergeht. Einige von ihnen würden später zwar im Förderbereich bleiben. Der Großteil besuche aber die Gesamt- und die Oberschulen und sogar das Gymnasium. Vorerst lernen die acht Mädchen und Jungen aber weiterhin im Wald – „in unserem Paradies“, wie Jennifer, die Älteste unter ihnen, sagt.


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