Nachwuchs fehlt im Verein Ganderkeseer Züchter will „Kulturgut Brieftaube“ erhalten

Von Bettina Dogs-Prößler


Heide. Brieftaubengelten als die Rennpferde der Luft und finden über Hunderte von Kilometern zurück nach Hause. Wie, ist immer noch unklar. Züchtern wie Rainer Herbst sind die Tiere sehr ans Herz gewachsen.

Auf dem Dachboden des ersten Vorsitzenden der Reisevereinigung Delmenhorst und Umgebung gurrt es. Alles ist hier auf „Taube“ ausgerichtet, der gesamte Raum in mehrere Schläge unterteilt. Zusammen mit Sohn Martin züchtet Rainer Herbst Brieftauben sowohl auf Schönheit als auch für den Sport. Doch während in anderen Ländern wie China oder Südafrika der Wettkampfsport boomt und nicht selten exorbitante Preise für eine Taube gezahlt werden, gilt die Brieftaubenzucht in Deutschland immer noch als piefiges Hobby für Rentner. „Wir Taubenzüchter haben massive Probleme, Nachwuchs zu bekommen“, sagt Herbst. „Und wir sind deutlich überaltert.“

Züchtern winken nicht nur Pokale

Dabei winken im deutschen Brieftaubensport nicht mehr nur Pokale. Der Endflugsieger des diesjährigen Ostseeflugs Usedom etwa erhält 13.000 Euro als Preisgeld, für den Zehntplatzierten gibt es immerhin noch 700 Euro.

Doch wer vorne mit dabei sein will, muss seine Tauben gut darauf vorbereiten. Die Vögel legen auf den Wettkampfflügen mehrere hundert Kilometer zurück. „Das fliegen sie nicht einfach so“, erklärt Rainer Herbst. Im Kurz- und Mittelstreckenbereich reichen die Distanzen von 100 bis 600 Kilometer, in der Weitstreckenklasse zum Teil mehr als 1000 Kilometer. Auch für Brieftauben ist das Hochleistungssport. „Ein Highlight ist der Londonflug“, sagt der 71-Jährige.

Maximal über eine Strecke von 600 Kilometern

So weite Strecken fliegen die 70 Tauben der Schlaggemeinschaft Rainer und Martin Herbst nicht. Maximal 600 Kilometer – weiter geht es nicht. „Wie Tauben dabei den Weg zurückfinden, ist bis heute nicht eindeutig geklärt“, schildert Herbst. Wissenschaftler vermuten, dass sich Brieftauben wie Zugvögel am Stand der Sonne und der Sterne orientieren. Auch das Erdmagnetfeld, Infraschall und Gerüche sollen eine Rolle spielen. Dazu gehen Forscher davon aus, dass Brieftauben bei der Navigation in der Lage sind, „innere Landkarten“ anzulegen.

„Orientierung müssen sie erst lernen“

Das können die Tauben aber nicht von Geburt an. „Die Orientierung müssen sie erst lernen“, sagt Herbst. Bewusst lässt er seine Jungtiere mehrere Stunden am Tag fliegen, damit sie auf ihren Runden gleichzeitig auch ihr Navigationsvermögen trainieren. Denn Tauben haben einen ausgeprägten Heimkehrwillen, der sie immer wieder nach Hause treibt. Und im Sport zum Teil zu Höchstleistungen.

Ab April laufen die Trainingsflüge

Wettkampfsaison ist im Sommer, ab April laufen die Trainingsflüge. Gezielt werden die Vögel auf die Distanzen vorbereitet und auch das Futter wird den speziellen Bedürfnissen angepasst. So gibt es Körnermischungen für mehr Energie davor und zur besseren Erholung danach. Wie schnell seine Tauben am Ende unterwegs waren, kann Herbst mithilfe der elektrischen Sender im Fußring und eines Registrierungsgerätes ablesen, sobald das Tier den Sensor am Anladeplatz passiert hat.

Preisflüge stehen nur an zweiter Stelle

Doch Herbst will vor allem eines: dass seine Tauben gesund und heil wieder zu Hause ankommen. „Die Preisflüge stehen bei uns eigentlich an zweiter Stelle, wir wollen vor allem das Kulturgut Brieftaube erhalten.“

Und so leidet der 71-Jährige auch bei jedem Vogel, der nicht zurückkehrt. „Pro Jahr haben wir einen Verlust von sechs bis sieben Tauben“, schildert er. Die Kritik von Tierschützern, Brieftauben würden bei ihren Flügen unnötigem Stress ausgesetzt und zum Teil vor Entkräftung nicht mehr zurückfinden, kann Herbst nicht nachvollziehen. „Der Großteil fällt den Greifvögeln zum Opfern. Das ist ein sehr, sehr großes Problem. Aber nicht nur für unsere Tauben, sondern, wie man sieht, auch für unsere Singvögel.“