Einwanderer in Delmenhorst Integration gelang auch mal ohne viel Worte

Von Folkert Müller

Blick in die Straße „Jutehäuser“: In solchen Werkswohnungen kamen viele der Arbeitsmigranten unter.Foto: dk-ArchivBlick in die Straße „Jutehäuser“: In solchen Werkswohnungen kamen viele der Arbeitsmigranten unter.Foto: dk-Archiv

Delmenhorst. Der Industrie-Boom führte vor mehr als 100 Jahren Arbeitsmigranten in Scharen nach Delmenhorst. In vier weiteren Schüben wurden Einwanderer in der Stadt heimisch.

Begünstigt durch die Anbindung an das Haupteisenbahnnetz in Deutschland 1867 entwickelte sich Delmenhorst ab 1871 zum größten Industriestandort Nordwestdeutschlands. Zunächst entstand die Jutefabrik, es folgte die erste Linoleumfabrik, danach die Nordwollefabrik mit der größten Beschäftigtenzahl. Es entwickelten sich Maschinenfabriken und Werke, in denen Lebensmittel oder Seife hergestellt wurden.

Zuwanderer aus der Habsburger-Monarchie

Landarbeiter aus der Umgebung wurden angezogen. Doch Tausende wurden mit ihren Familien durch Werber von weit her angelockt. Diese kamen hauptsächlich aus Gebieten der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Den Leuten aus dem Sudetenland, Böhmen und Polen wurden Werkswohnungen versprochen. Innerhalb von 30 Jahren wuchs die Einwohnerzahl um das Vierfache. Die bisher rein evangelische Bevölkerung bekam einen Zuwachs von vielen Katholiken.

Baracken für Flüchtlinge und Vertriebene

Die zweite große Einwanderungswelle ergoss sich wie ein gewaltiger Strom von 1944 bis 1946 nach Delmenhorst und alle umliegenden Orte durch die vielen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge. Das Wohnungsamt beschlagnahmte Wohnraum von Einheimischen und stellte Baracken zur Verfügung. Meine Schwiegereltern, die aus dem Memelland stammten, bekamen zunächst eine Bleibe mit ihren vier Kindern in einer Wellblechbaracke. Sie erlebten Hilfsbereitschaft. Der Staat führte später den Lastenausgleich ein, um mit einer Finanzspritze eine neue Existenzgründung zu ermöglichen.

Neue Arbeitsmigranten für die Fabriken

Als Mitte der 50er Jahre in Westdeutschland die Wirtschaft aufblühte, strömten viele Gastarbeiter aus Spanien, Italien, Griechenland und später aus der Türkei herbei. Ich habe damals in der Stadtkirche ein Paar getraut, mit dem ich vorher kein leichtes Traugespräch führen konnte. Er war Italiener und verstand kaum ein Wort Deutsch, sie war Deutsche und konnte kein Italienisch. Ja, so schnell kann Integration gehen!

Vor dem Balkan-Krieg geflüchtet

Von 1990 bis 1995 gab es auf dem Balkan die schlimmen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen Jugoslawiens. Viele Kroaten, Albaner und hauptsächlich Serben flohen nach Deutschland und somit auch nach Delmenhorst. Ihr Bestreben war, möglichst schnell die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen. Wer fleißig war, kam gut zurecht und machte später stolz in der alten Heimat Urlaub.

Herausforderungen durch jüngsten Flüchtlingsstrom

Das Jahr 2015/16 wurde zu einer besonders großen Herausforderung. Millionen aus afrikanischen und asiatischen Ländern begannen, nach Europa zu drängen, gerade auch nach Deutschland. Die entsetzlichen Kriege und Dürrekatastrophen haben diese Flüchtlingsströme ausgelöst. Auch in Zukunft werden die Delmenhorster Stadtverwaltung und die Verwaltungen der umliegenden Gemeinden dadurch immer wieder vor neuen Herkulesaufgaben stehen.


„Von Hus un Heimat“-Autor Folkert Müller ist zu seinem Beitrag über die Migrationsschübe in Delmenhorst durch ein Kunstwerk inspiriert worden, das er bei der diesjährigen internationalen Kunstausstellung documenta 14 in Kassel entdeckte. Auf einem 16 Meter hohen Granit-Obelisken auf dem Königsplatz hat der nigerianisch-amerikanische Künstler Olu Oguibe in goldener Schrift den Jesus-Satz angebracht: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ (Matthäus 25).

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