Zahlen von IHK und HWK Ein Fünftel aller Flüchtlinge bricht vorzeitig Ausbildung ab

Junge Flüchtlinge brechen leicht häufiger als in Deutschland geborene Auszubildende ihre Ausbildung ab. Dies geht aus Zahlen der Handwerkskammer Oldenburg und der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer hervor. Symbolfoto: Christoph Schmidt/dpaJunge Flüchtlinge brechen leicht häufiger als in Deutschland geborene Auszubildende ihre Ausbildung ab. Dies geht aus Zahlen der Handwerkskammer Oldenburg und der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer hervor. Symbolfoto: Christoph Schmidt/dpa

Delmenhorst. Junge Flüchtlinge brechen leicht häufiger als in Deutschland geborene Auszubildende ihre Ausbildung ab. Dies geht aus Zahlen der Handwerkskammer Oldenburg und der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer hervor. Die Zahlen zeigen auch, dass das Handwerk offenbar mehr Geflüchtete unter Vertrag nimmt – aber im Vergleich auch mehr Abbrüche verkraften muss.

Rund ein Fünftel aller Flüchtlinge, die sich in einer Ausbildung befinden, bricht die Lehrzeit vorzeitig ab. Das geht aus Zahlen der Handwerkskammer Oldenburg (HWK) und der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer (IHK) auf Anfrage des dk hervor. Als Grund für die Abbrüche geben beide Kammern an, dass oftmals mangelnde Sprachkenntnisse vor allem im fachlichen Bereich zur Überforderung führten. HWK wie IHK sehen noch viel Arbeit vor sich.

Abbrecherquote im Handwerk höher

  • 235 Ausbildungsverträge mit Flüchtlingen aus den acht häufigsten nicht europäischen Asylzugangsländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) hat die HWK im Kammerbezirk seit August 2016 gezählt. Hiervon wurden 49, also ein Fünftel, wieder aufgelöst.
  • Bei der IHK sehen die Zahlen besser aus: Im Kammerbezirk wurden 24 von insgesamt 151 der zu Anfang November eingetragenen Ausbildungsverhältnisse mit Flüchtlingen abgebrochen (16 Prozent).
  • Das ist nur leicht mehr, als bei in Deutschland geborenen IHK-Auszubildenden (15 Prozent).
  • Zählt man die Zahlen beider Kammern für Delmenhorst und Ganderkesee zusammen, wurden von 26 Verträgen mit Geflüchteten sechs, also ein Fünftel, aufgelöst.

Fachliche und sprachliche Überforderung

(Weiterlesen: Integrationsberater der HWK gibt Tipps)

In erster Linie sprachliche Hürden haben laut Rüdiger Manke, zuständig für Flüchtlinge und Asylbewerber bei der HWK, zu den Vertragsauflösungen geführt. Insbesondere die Fachsprache in der Berufsschule habe jungen Zugewanderten Probleme bereitet. Diese Einschätzung teilt im Wesentlichen auch die IHK-Willkommenslotsin Bettina Doneit, auch wenn die Gründe für Vertragsauflösungen der Kammer nicht immer gemeldet werden. In diese Gemengelage aus fachlicher und sprachlicher Überforderung fließen Doneit zufolge weiter finanzielle und Mobilitätsprobleme ein.

Arbeitsfelder verlangen Fachvokabular ab

Starten Flüchtlinge eine Ausbildung im Handwerk, wollen sie vor allem Frisöre, Kfz-Mechatroniker, aber auch Metallbauer, Elektroniker und Anlagenbauer werden, teilt die HWK mit. Über die IHK sind vor allem Berufe im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Lager und im Verkauf gefragt. Alles Arbeitsfelder, die auch in der Berufsschule ein entsprechendes Fachvokabular abverlangen. Und genau bei diesem beruflichen Sprachverständnis hapert es laut Manke oft: Der Sinn in Textaufgaben müsse erfasst, technische Anleitungen gelesen werden können, sagt der HWK-Berater. „Das ist mehr als Verstehen und Sprechen im Alltag.“ Neben Vertragsauflösungen sei eine weitere Folge dieser Probleme, dass sich die Ausbildungszeit in die Länge zieht. Zwar habe die IHK noch nicht wie die HWK Anträge auf Verlängerung der Berufsausbildung erhalten, rechnet aber fest damit.

Mehr sprachliche Hilfen gefordert

Vor dem Hintergrund, dass beide Kammern das Mindest-Sprachniveau B2 als unzureichend für den Berufsalltag empfinden, könnte eine Lösung darin liegen, mehr sprachpraktische Unterstützung vor und während der Ausbildung zu bieten. So schlägt Manke eine systematische Ausbildungsvorbereitung bei Geflüchteten vor. Beispielsweise durch Einstiegsqualifizierungen über die Agentur für Arbeit, also ein Praktikum, oder berufsbezogene Sprachkurse. Und die IHK ist laut Doneit der Ansicht, dass Berufsbildende Schulen besser ausgestattet werden sollten, um bessere fachsprachliche Hilfe geben zu können.

Herausforderung für die Betriebe

(Weiterlesen: Interview zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt)

Neben der Sprache sieht die IHK ein weiteres Grundproblem in der mangelnden Berufsorientierung und im fehlenden Wissen um das deutsche Ausbildungssystem. Mit Vorträgen versucht die Kammer, hier aufzuklären, sieht aber noch viel Arbeit vor sich. Das sieht auch die Handwerkskammer so. „Die Bereitschaft, Geflüchtete in Betriebe zu integrieren ist hoch“, so Manke. „Dass dazu ein langer Atem nötig ist, stellt eine Herausforderung dar.“


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