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Bei Ausgang in Delmenhorst Häftling missbraucht JVA-Mitarbeiterin aus Lingen und tötet sich

Von Thomas Breuer und Wilfried Roggendorf

Spurensicherung am Tatort: Direkt nach dem unfassbaren Vorfall haben die Ermittler ihre Arbeit aufgenommen. Foto: NonstopnewsSpurensicherung am Tatort: Direkt nach dem unfassbaren Vorfall haben die Ermittler ihre Arbeit aufgenommen. Foto: Nonstopnews

tbre/wrog Delmenhorst. Ein Häftling der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lingen hat am Montagabend während eines Freigangs in sein familiäres Umfeld in Delmenhorst eine Justizmitarbeiterin in seine Gewalt gebracht und missbraucht. Nach der Tat tötete er sich selbst. Das teilten das Niedersächsische Justizministerium und die Polizei mit.

Der 27-Jährige hatte in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lingen eine in Spanien gegen ihn verhängte Freiheitsstrafe von sechs Jahren verbüßt. Der Vorfall ereignete sich im Haus der Familie in Delmenhorst.

Nach der Tat waren zahlreiche Einsatz- und Rettungskräfte vor Ort, die Spurensicherung begann umgehend mit der Arbeit. Die missbrauchte Frau erhält nach Darstellung des Ministeriums „die bestmögliche medizinische und psychologische Betreuung“. Die mittelbar betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der JVA Lingen würden zudem durch das Kriseninterventionsteam des niedersächsischen Justizvollzugs betreut. „Der Vorfall macht uns alle betroffen“, erklärte der Leiter der JVA Lingen, Meik Portmann, auf Nachfrage unserer Redaktion. Für alle Mitarbeiter der JVA sei es „ein riesen Schock“ gewesen. „Wir arbeiten den Vorfall jetzt erst einmal für uns auf und wollen weitere Traumatisierungen verhindern“, sagte Portmann.

Mann saß Haftstrafe nach sexueller Nötigung ab

Der Häftling war wegen sexueller Nötigung in Spanien zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt worden. Diese wurde seit Juli 2014 in Deutschland vollstreckt. Eine Freilassung hätte für den August 2018 angestanden.

Laut Ministerium war der Mann erstmals in Haft und nicht vorbestraft. Im Mai 2015 sei er in das Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPS) aufgenommen. Hier habe er bis zum vergangenen Februar „alle erforderlichen Behandlungsmodule“ absolviert.

Zuvor 50 begleitete Ausgänge ohne Beanstandung

Der Täter hatte laut Ministerium in der Vergangenheit insgesamt 50 begleitete Ausgänge unternehmen dürfen. Beanstandungen habe es nicht gegeben. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Häftling bei einem Ausgang von einer weiblichen Justizbediensteten begleitet wird“, erläuterte JVA-Leiter Portmann. In der JVA Lingen betrage der Frauenanteil der Bediensteten rund 30 Prozent.

In einer Mitteilung der Behörde heißt es: „Die Entscheidung über die gewährte Vollzugslockerung beruht auf einer Prognoseentscheidung der JVA. Dabei hat die Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des niedersächsischen Justizvollzugs sowie der Bevölkerung oberste Priorität.“

Der Vorgang wird jetzt im Niedersächsischen Justizministerium geprüft. In einer ersten Bewertung heißt es: „Bislang sind Regelverstöße oder fachliche Fehler nicht zu erkennen.“

Nach dem Vorfall vom Montag haben die Staatsanwaltschaft Oldenburg und die Polizeiinspektion Delmenhorst die Ermittlungen aufgenommen. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde die Obduktion des Leichnams angeordnet, die bereits am Dienstag erfolgte. Diese hat nach Angaben der Polizei die Selbsttötung bestätigt, also ein Fremdverschulden ausgeschlossen.


Zu begleiteten Ausgängen macht das Ministerium in seiner Mitteilung folgende Ausführungen:

„Begleitete Ausgänge stellen für Strafgefangene in der Regel die erste spürbar ,gelockerte‘ Vollzugsöffnung dar und sind unter Berücksichtigung des Einzelfalles Bestandteil der Behandlung der Gefangenen. Lockerungen des Vollzuges dürfen nur angeordnet werden, wenn nicht zu befürchten ist, dass die oder der Gefangene sich dem Vollzug der Freiheitsstrafe entzieht oder die Lockerungen zu Straftaten missbrauchen wird. Im Gegensatz zu Ausführungen, bei der die Begleitung durch Vollzugsbedienstete zur Vermeidung von Flucht und Missbrauch erfolgt, dient sie bei Ausgängen zuvorderst der Unterstützung der Gefangenen. Zudem können die Beobachtungen der Begleitpersonen für die künftige Gestaltung von Vollzugslockerungen und für die weitere Vollzugs- und Behandlungsgestaltung von Bedeutung sein. Der Gewährung von Lockerungen des Vollzuges geht ein umfangreiches Prüfungsverfahren voraus. Unter anderem bei Gefangenen, die – wie in diesem Fall – wegen Gewalt- oder Sexualdelikten verurteilt worden sind, umfasst dieses Prüfungsverfahren zudem eine psychologische und/oder psychiatrische Begutachtung.“