Fragen und Antworten Krankenhaus-Mordserie: Wie viele Patienten tötete Niels H.?

Von dpa

Statt seine Patienten gesund zu pflegen, tötete er sie. Niels H. könnte für eine der größten Mordserien in Deutschland verantwortlich sein. Foto: Carmen Jaspersen/dpaStatt seine Patienten gesund zu pflegen, tötete er sie. Niels H. könnte für eine der größten Mordserien in Deutschland verantwortlich sein. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Oldenburg. Mit seinen Patienten trieb der Krankenpfleger Niels H. ein tödliches Spiel. Er spritzte ihnen Medikamente, die einen Kreislaufkollaps oder Herzversagen auslösten – und belebte sie dann wieder. Doch das gelang nicht immer. Fragen und Antworten zu dem Fall.

Der Ex-Pfleger sitzt bereits wegen Mordes und Mordversuchs lebenslang hinter Gittern. Wie viele Patienten Niels H. auf dem Gewissen hat, versuchen Ermittler seit fast drei Jahren zu klären. Am Montag wollen sie ihre Ergebnisse vorstellen.

Was legen die Ermittler Niels H. zu Last?

Mehr als 30 Patienten soll der Pfleger am Klinikum in Delmenhorst und in Oldenburg zu Tode gespritzt haben. Für sechs Taten musste er sich bisher vor Gericht verantworten. Im Prozess gestand Niels H. etwa 90 Taten in Delmenhorst. Bei Verhören im Gefängnis räumte er später ein, auch Patienten an seiner früheren Arbeitsstelle in Oldenburg getötet zu haben. Damit könnte es sich um eine der größten Mordserien in Deutschland handeln.

Was war sein Motiv?

Niels H. suchte den Kick und die Anerkennung von Kollegen. Wenn er bei Reanimationen den starken Retter spielen konnte, fühlte er sich tagelang gut, wie er vor Gericht aussagte. Kollegen beschrieben ihn vor Gericht als zupackend und hilfsbereit. Doch es gab auch Gerede, weil sich Niels H. in kritischen Situationen gerne in den Vordergrund spielte und auffällig viele Patienten während seiner Schicht starben.

Wie flog Niels H. auf?

Konkrete Hinweise, dass der Pfleger Patienten tötete, gab es nach Ansicht der Ermittler an beiden Kliniken. Doch erst als eine Kollegin Niels H. 2005 auf der Delmenhorster Intensivstation auf frischer Tat erwischte, nahmen die Morde ein Ende. Der frühere Stationsleiter und zwei Oberärzte vom Klinikum Delmenhorst werden sich demnächst wegen Tötung durch Unterlassen vor Gericht verantworten müssen. Gegen Verantwortliche am Oldenburger Klinikum laufen die Ermittlungen noch.

Wieso haben die Ermittler die Mordserie erst jetzt so umfassend aufgerollt?

Versäumnisse musste auch die Staatsanwaltschaft eingestehen. Obwohl es nach dem ersten Urteil Beweise gab, dass deutlich mehr Todesfälle auf das Konto von Niels H. gehen, kam es zu keiner neuen Anklage. Das passierte erst Jahre später, nachdem Angehörige der Opfer nicht locker gelassen und eine andere Oberstaatsanwältin den Fall übernommen hatte. Der damals zuständige Oberstaatsanwalt wurde später angeklagt, weil er die Ermittlungen verschleppt haben soll. Zum Prozess kam es aber nicht.

Wie gingen die Ermittler vor?

Die 15-köpfige Soko „Kardio“ hat mehr als 200 Verdachtsfälle während und unmittelbar nach der Dienstzeit von Niels H. in Delmenhorst, Oldenburg und an anderen früheren Arbeitsstellen untersucht. Hunderte Patientenakten werteten die Ermittler aus. Mehr als 100 Leichen wurden ausgegraben und auf Rückstände von Medikamenten getestet. Außerdem haben die Ermittler Niels H. mehrmals im Gefängnis verhört.

Was bedeutet ein neuer Prozess für das Strafmaß?

Dass sich Niels H. erneut vor Gericht verantworten muss, gilt als sicher. Am Strafmaß wird ein neues Urteil jedoch nichts ändern. In Deutschland kann man nur einmal zu lebenslanger Haft verurteilt werden.


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