Serie: „Feuertaufe“ Segelflug über Delmenhorst: Astronaut für zweieinhalb Sekunden

Von Frederik Grabbe


Delmenhorst. „Nur fliegen ist schöner“, so nannte der Regisseur Robert Altmann 1970 einen Film, dessen Titel seitdem zum geflügelten Wort geworden ist. Und was ist vielversprechender, als beinahe geräuschlos ohne Motorkraft durch die Lüfte zu gleiten? Für die dk-Serie „Feuertaufe“ wagte sich Reporter Frederik Grabbe in einen Segelflieger des Luftsportvereins Delmenhorst, der seine Rundflüge von der Großen Höhe aus startet. Dabei wurde deutlich: Segeln hat auch seine turbulenten Seiten.

Die erste Voraussetzung, die jemand haben sollte, der einmal eine Runde im Segelflieger drehen möchte, ist Gelenkigkeit. An der scheint es dem Reporter zu mangeln, als er sich mit Fallschirm auf dem Rücken, Notizblock, Stift und Kamera in der Hand in die enge Kabine zwängt - zumindest vermitteln einige Lacher vom Seitenrand der Startbahn aus diesen Eindruck.

Die Kotztüte fliegt mit

Pilot im Doppelsitzer ist an diesem Sonntagnachmittag Marvin Pohl. Seit mehr als sechs Jahren fliegt der 19-Jährige hauptsächlich durch die Lüfte über der Großen Höhe, wo der Luftsportverein seinen Sitz hat. In Mode unter Segelfliegern scheinen Schlapphüte mit kurzer Krempe zu sein, nicht nur Marvin trägt so einen. „Der dient als Sonnenschutz. Und man will ja im Segler auch seinen Kopf strecken. Mit einer Basecap stößt man dann nur an die Haube“, sagt er. Dass der Reporter einen solchen Hut nicht trägt, wird sich am Folgetag bitter rächen. Eine Marvins erster Amtshandlungen ist, dem Reporter eine Kotztüte zwischen Sicherheitsgurt und Brust zu klemmen. „Ich habe schon rund 60 Gästeflüge hinter mir, bei den letzten vier Malen war die Tüte leider nötig“, sagt er. Mit einem leicht flauen Gefühl im Magen hört sich der Reporter die restlichen Instruktionen an („Bitte nicht die bunten Hebel anfassen“), bis sich die Haube des Seglers schließt.

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290-PS-Winde zerrt Flieger in die Höhe

Der Start verläuft über ein beinahe bizarres Konstrukt: In mehreren hundert Metern Entfernung steht eine Winde auf einem ausrangierten Bundeswehrfahrzeug. Über einen 280 PS starken Motor zieht sie das 1,2 Kilometer lange Kunststoffseil ein, an dessen Ende der Glasfaser-Flieger hängt. Das Segeln in der Luft beginnt mit einem starken Ruck und einer kurzen, rumpeligen Fahrt über die gemähte Wiese. „Das Prinzip ist wie bei einem Drachenstart. An einem Ende der Schnur hält jemand den Drachen fest, der dann mit dem Wind aufsteigt“, hat Fluglehrer Andy Gesierich vor dem Start erklärt. Auftrieb erhalten die Schwingen des Seglers bloß durch die Geschwindigkeit, mit der das Fluggerät durch die Luft gezogen wird. Auf einer Höhe von etwa 350 Metern klinkt sich der Pilot mit einem letzten Ruckler aus – dann erst stellt sich eine relative Ruhe ein.

Unbezahlbarer Ausblick

Segelflieger leben von der Thermik. Sie entsteht, wenn die Sonne Luft in Bodennähe erwärmt und diese Wärme dann in der Folge aufsteigt. Marvin lässt den Flieger in diesem Aufwind kreisen und gewinnt so an Höhe. Aus Luft gesehen ist Delmenhorst und sein Umland vor allem eines: grün. Es geht hinweg über den Wald auf der Großen Höhe, über fein aufgereihte Mais- und Weizenfelder, den See des Windsurfvereins und sandige Übungsflächen der Bundeswehr. In der Distanz sind die Adelheider Kaserne und Gehöfte zu sehen. Dieser unbezahlbare Ausblick ist begleitet durch ein ständiges Piepen, dass dem Piloten je nach Tonhöhe anzeigt, ob der Segler sinkt oder steigt.

Zweieinhalb Sekunden Schwerelosigkeit

„Ein Segelflieger sollte in der Regel auch Achterbahnfahrten aushalten können“, sagt Marvin und fügt den Hinweis an, jetzt einmal bitte die Kamera gut festzuhalten. Dann stoppt er den Flieger auf unter 60 km/h ab – und lässt ihn die Tiefe hinab stürzen. Parabelflug nennt sich dieses Manöver, wird es später heißen, es kommt beispielsweise zum Einsatz, um angehende Astronauten an die Schwerelosigkeit zu gewöhnen. Im Falle des Reporters ist zwar eine angenehme Unbeschwertheit vorhanden, doch es schwebt auch sein Notizblock samt Kuli durch die Kabine.

Die Dienstzeit als Astronaut endet

Nach geschätzt zweieinhalb Sekunden bringt Marvin den Segler wieder auf Normalkurs – und dieses kurze Auffangen zerrt ziemlich an der Gesichtshaut. Ein kurzer Griff des Reporters führt an die Kotztüte („Gut, sie ist noch da“), dann leitet der Pilot die Landung ein. Viel Strecke braucht der Segler nicht, um zum Stehen zu kommen. Rund 150 Meter reichen aus. Es rumpelt noch einmal kräftig, und dann war es das mit dem zauberhaften Blick – und mit der Dienstzeit als Astronaut.


Wer einmal mit dem Luftsportverein eine etwa 20-minütige Runde über die Große Höhe drehen möchte, der meldet sich entweder unter Telefon (04222) 2710 oder schaut bei schönem Wetter bei dem Startwagen auf der Landebahn neben dem Vereinsheim abzweigend von der Wiggersloher Straße vorbei. Für 25 Euro sind auch spontan Flüge möglich. Die Flugschülerausbildung kann man schon ab 14 Jahren beginnen und mit 16 die Lizenz machen. Nach 50 bis 70 Starts, eifrige Fliegeranfänger schaffen das nach drei bis vier Monaten, kann man schon alleine fliegen. Mehr Infos zum Segelfliegen gibt es im Internet unter lsvdelmenhorst.de