9.800 Minijobber, 7.700 Teilzeitkräfte Ist Delmenhorst eine Stadt der Minijobber?

In Delmenhorst gibt es untypisch viele Minijobber und Teilzeitkräfte. Symbolfoto: Ralf Hirschberger/dpaIn Delmenhorst gibt es untypisch viele Minijobber und Teilzeitkräfte. Symbolfoto: Ralf Hirschberger/dpa

Delmenhorst. Laut Hans-Böckler-Stiftung verdienen in Delmenhorst 55,9 Prozent aller Arbeitnehmer ihr Geld in Minijobs, in Teilzeit oder durch Leiharbeit – das ist viel mehr, als der Bundesschnitt. Die Stadt wünscht sich mehr Vollzeitstellen. Einen Plan, dies auch umzusetzen, scheint es aber nicht zu geben.

Delmenhorst ist mal wieder im Rahmen einer unrühmlichen Statistik aufgetaucht: Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung verwendete kürzlich die Stadt Delmenhorst als Beispiel, um einen besonders hohen Grad an atypischer Beschäftigung zu beschreiben. Unter diesen Begriff fallen Teilzeitstellen, Leiharbeit und Minijobs. 55,9 Prozent der Jobs in Delmenhorst waren dem WSI zufolge „atypisch“. Bundesweit sind fast 40 Prozent aller abhängig beschäftigten atypisch beschäftigt, Delmenhorst liegt nach dieser Aufstellung 16 Prozent darüber.

Doch was ist dran an dieser Zahl?

Den jüngsten verfügbaren Daten der Agentur für Arbeit zufolge waren in der Stadt Delmenhorst insgesamt 20.614 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, teilt Claudia Zimmermann, Sprecherin der Agentur, auf Nachfrage mit. 12.871 Männer und Frauen waren davon in Vollzeit beschäftigt, 7.743 in Teilzeit. Hinzu kommen 9.835 Minijobber, also jene, die geringfügig beschäftigt sind. Hingegen wurden 648 Leiharbeiter gezählt, was mit einem Anteil von 3,1 Prozent aller Beschäftigten laut Zimmermann im Vergleich nicht viel ist. Auffällig sei laut Zimmermann, dass das innerhalb eines Jahres die Zahl der Teilzeitbeschäftigten in Delmenhorst um 6 Prozent angewachsen ist, im gesamten Agenturbezirk Oldenburg-Wilhelmshaven waren es 4,2 Prozent.

In Delmenhorst kommen 1,3 Vollzeitbeschäftigte auf jeden Minijobber, viel weniger als in Land oder Bund

Generell sind die Delmenhorster Zahlen der Agentur für die Bereiche Teilzeitarbeit und Minijobs im Vergleich mit Bund und Land sehr hoch: Niedersachsen zählte zuletzt knapp 2,9 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Von ihnen arbeiteten 815.000, also 28 Prozent, in Teilzeit (Bund: 27 Prozent). In Delmenhorst liegt ihr Anteil satte zehn Prozent höher. Die Zahlen zeigen zudem: In Niedersachsen gibt es 751.000 Minijobber bei 2,9 Millionen Vollzeitbeschäftigten. Mit anderen Worten: Auf jeden Minijobber kommen rechnerisch 2,7 Vollzeitbeschäftigte. Im Bund sind es 3,1. In Delmenhorst hingegen ist das Verhältnis deutlich ungünstiger – hier kommen 1,3 Vollzeitbeschäftigte auf jeden Minijobber.

Strukturelle Schwäche des Arbeitsmarkts in Delmenhorst

Woran liegt das? Die hohe Bedeutung von Teilzeit- und Minijobs in Delmenhorst ist laut Zimmermann auf die Branchenstruktur zurückzuführen. Die meisten Menschen arbeiteten im Handel sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. Hier seien gut ein Drittel aller Arbeitnehmer tätig. Und in beiden Zweigen gebe es eben viele Stellen in Teilzeit oder als Minijob. Branchen hingegen, die überwiegend Vollzeit-Stellen böten – wie etwa das verarbeitende Gewerbe – seien in der Stadt unterdurchschnittlich vertreten: Landes- wie bundesweit sind allein in diesem Bereich laut Agentur 21 Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigt. In Delmenhorst sind es nur 14 Prozent.

Konsequenzen für die Steuereinnahmen

Die Folgen einer hohen Teilzeit- und Minijobquote liegen auf der Hand: Gezahlte Steuern fallen geringer aus. Im Falle der Minijobs, die mit bis zu 450 Euro im Monat vergütet werden, fällt die Lohnsteuer beispielsweise ganz weg, sagt Zimmermann. Auch für Fachbereichsleiter Soziales, Rudolf Mattern, sind die Anteile an Teilzeit- und Minijobs „deutlich zu hoch“, teilt er auf Nachfrage mit. „Insbesondere die Anzahl der Minijobs ist ein Spiegelbild der Sozialstruktur der Stadt. Hier muss es Ziel sein, die Rahmenbedingungen für mehr Vollzeitbeschäftigung zu schaffen.“ Wie dies aber gelingen soll, ist fraglich. Auf eine entsprechende Anfrage hat die Delmenhorster Wirtschaftsförderungsgesellschaft bislang nicht geantwortet. Fest steht aber, dass die Ausschreibung von Gewerbegebieten, wo sich das verarbeitende Gewerbe ansiedeln könnte zuletzt schwierig war, wie der Fall Pultern zuletzt gezeigt hat.

1841 Delmenhorster „ergänzen“ ihr Einkommen mit Arbeitslosengeld II

Mattern verweist auf Hilfen, die Jobcenter und Agentur arbeitenden Menschen zahlen, die zu wenig verdienen, um davon ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Allein beim Delmenhorster Jobcenter gibt es insgesamt 1841 sogenannte Ergänzer, die neben dem Arbeitslosengeld II ein Einkommen haben. Die große Mehrheit (943) sind Minijobber.

Verzerrt eine Putzfirmenproblematik das Bild?

Eine oft gehörte Begründung für die hohe Zahl an Teilzeit- oder Minijobs, wonach sich das Personal bundesweit agierender großer Putzfirmen, die vorwiegend in diesen Formen beschäftigen, in den Delmenhorster Zahlen niederschlagen, klingt indes unwahrscheinlich. Das sagen Arne Söffgen von der Gebäudedienstleister- Landesinnung Bremen und Nord-West-Niedersachsen sowie Peter Gremmert, Geschäftsführer beim Gebäudeservice RDG, der bundesweit 5000 Kräfte beschäftigt. In Delmenhorst sind es laut Gremmert gerade einmal 100 Minijobber.


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