Delmenhorster Fachleute gespalten Förderung öffnet Kita-Türen für Quereinsteiger

Von Sonia Voigt

Fachbereichsleiter Soziales Rudolf Mattern (von links), der Vorsitzende der Kita-Trägerarbeitsgemeinschaft Erwin Drefs und der für die Kindertagesbetreuung zuständige Fachdienstleiter Gerd Galwas freuen sich über die zusätzliche Landesförderung. Doch es gibt auch problematische Aspekte. Foto: Sonia VoigtFachbereichsleiter Soziales Rudolf Mattern (von links), der Vorsitzende der Kita-Trägerarbeitsgemeinschaft Erwin Drefs und der für die Kindertagesbetreuung zuständige Fachdienstleiter Gerd Galwas freuen sich über die zusätzliche Landesförderung. Doch es gibt auch problematische Aspekte. Foto: Sonia Voigt

Delmenhorst. 1,56 Millionen Euro gegen den Fachkräftemangel in Delmenhorster Kitas: Das ist eindeutig eine gute Nachricht. Doch die Fachleute sehen bei einer neuen Förder-Richtlinie des Landes auch praktische Probleme und qualitative Risiken voraus.

Die neue QuiK-Richtlinie bringt bis Ende 2018 1,56 Millionen Euro an Landesmitteln nach Delmenhorst, als erste Hilfe gegen den Mangel an Kita-Fachkräften. Doch bei den Delmenhorster Verantwortlichen mischen sich Bedenken in die Freude über die dringend benötigte Unterstützung in Kindergarten-Gruppen. Rein praktisch werde es schwierig, die vom 1. Januar 2017 an rückwirkend gewährten Mittel jetzt kurz vor der Sommer-Schließzeit noch einzusetzen, sagt der für die Kindertagesbetreuung zuständige Fachdienstleiter Gerd Galwas. Außerdem pocht er auf die Qualität der Kita-Arbeit: „Wir machen hier erstmals die Tür für Quereinsteiger auf.“

Stadt will Quereinsteiger zu Weiterbildung verpflichten

Denn bisher betreuen jeweils zwei Fachkräfte –Erzieher, Sozialpädagogen und sozialpädagogische Assistenten – die 25 Drei- bis Sechsjährigen in einer Kindergartengruppe. Sie sollen durch die neue Richtlinie zusätzliche Kräfte als Unterstützung bekommen, die auch Quereinsteiger ohne pädagogische Vorbildung sein können. Sie müssen nur die Voraussetzungen für die zweite Klasse der sozialpädagogischen Assistentenausbildung erfüllen, zum Beispiel eine Hochschulzulassung oder Berufsausbildung plus Berufserfahrung. „Wir wollen eine verpflichtende 160-stündige Qualifizierung einführen, die berufsbegleitend läuft“, erklärt Galwas.

Erzieher-Stellen kaum zu besetzen

„Es wird eine Herausforderung, in diesem Bereich bisher unqualifizierte Menschen in die hochwertige Bildungsarbeit, die Kitas leisten sollen, einzubinden“, sagt Erwin Drefs, Sprecher der Trägerarbeitsgemeinschaft der 25 Delmenhorster Kindertagesstätten. Andererseits weiß der Lebenshilfe-Geschäftsführer aus Erfahrung, wie schwer es beim gegenwärtigen Fachkräftemangel ist, sogar unbefristete Erzieher-Stellen zu besetzen. „Wir haben für die Lebenshilfe-Kitas aktuell zwei gute Erzieher-Stellen ausgeschrieben, die wir nicht besetzen können“, sagt Drefs. Die QuiK-Richtlinie erlaubt aber nur auf zwei Jahre befristete Arbeitsverträge, da bisher nur die Förderung mit je 780.000 Euro für 2017 und 2018 gesichert ist.

Enge Abstimmung zwischen Stadt und Kita-Trägern

Da die Richtlinie bis 2021 angelegt ist, bestehe aber immerhin Aussicht auf Verlängerung, sagt Fachbereichsleiter Rudolf Mattern. Trotzdem sehen er und Mattern kaum Chancen, auf dem abgegrasten Arbeitsmarkt neue Erzieher oder Sozialassistenten als Zusatzkräfte zu gewinnen. „Eher möglich ist, dass Teilzeitkräfte vielleicht aufstocken wollen“, sagt Galwas. Kommende Woche wollen die Kita-Träger – von der Stadt über Awo, Lebenshilfe und den Waldorf-Trägerverein bis hin zu den verschiedenen evangelischen und katholischen Kirchengemeinden – gemeinsam das Vorgehen besprechen. Diese Art der Zusammenarbeit sei in Delmenhorst vorbildlich, lobt Drefs aus Trägersicht.

584 Kindergarten-Kinder sprechen nicht vorrangig Deutsch

Besonders berücksichtigt werden sollen Kitas mit vielen Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist – auf 584 Delmenhorster Kinder traf das nach der jüngsten Erhebung von 2015 zu. Besonders viele von ihnen besuchen die Kitas in Düsternort und an der Stedinger Straße. Eine ganze Stelle für jede der 25 Delmenhorster Kitas kommt in der Summe ohnehin nicht heraus, rechnet Gerd Galwas vor: Selbst wenn nur die geringer entlohnten Quereinsteiger eingestellt würden, reichen die QuiK-Mittel nur für 21 Vollzeitstellen. Deutlich weniger sind es, wenn Erziehergehälter anfallen.

Bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen gefordert

Allen gemeinsam ist der Appell für attraktivere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für Erzieher. Vier Jahre unbezahlte schulische Ausbildung, ein Einstiegsgehalt von 2205 Euro brutto und mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten schreckten viele potenzielle Nachwuchskräfte ab, so die Fachleute. Helfen könne etwa eine vergütete duale Ausbildung, wie andere Bundesländer sie testen. Denn der Bedarf wächst: Allein für die 2018 startenden neuen Delmenhorster Kitas an der Käthe-Kollwitz-Schule und der Otto-Jenzok-Straße brauche es rund 40 neue Kräfte.