dk-Praktikant erzählt seine Fluchtgeschichte „Geht die Sonne unter, kommen die Taliban“

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Delmenhorst. Als Tageszeitung kommt das dk immer wieder in Kontakt mit Flüchtlingen. Auch zwei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland berührt die Geschichte der Flucht von Jawad Rezai aus Afghanistan. Jawad machte kürzlich ein Praktikum beim dk. Uns hat er die Geschichte seiner Flucht erzählt.

Als Lokalredaktion kommt das dk immer wieder mit Menschen in Kontakt, die als Flüchtlinge Deutschland erreicht haben. Das war insbesondere ab dem Jahr 2015 so. Mittlerweile haben sich viele Flüchtlinge immer besser eingelebt und versuchen auch beruflich Fuß zu fassen. Einer von ihnen ist Jawad Rezai aus Bremen. Der 18-jährige Afghane absolvierte kürzlicht beim dk ein Praktikum und schaute den Redakteuren über die Schulter. Auch nach zwei Jahren in Deutschland rüttelt seine Fluchtgeschichte noch auf und gibt einen Eindruck davon, welche Mühen Menschen auf sich nehmen, um nach Deutschland zu kommen. Dem dk hat er sie erzählt.

„Gehst du zur Schule, kann dies den Tod bedeuten“

„In meiner Stadt haben fast alle Macht die Taliban. Am Tag hat die Regierung die Kontrolle. Geht die Sonne unter, kommen die Taliban – und machen, was sie wollen.“ Jawad kommen die Worte nicht leicht über die Lippen, wenn er von sich erzählt. Als Europäer zu verstehen, wie Afghanen leben und was sie zur Flucht treibt, ist ebenfalls nicht leicht. Jawad erzählt zum Beispiel, dass die Taliban nachts Menschen auf der Straße in seinem Dorf nahe Ghazni im Südosten des Landes anhalten und ihre Hände untersuchen. Sind die schwielig und zeugen so von harter Arbeit, dürfen sie weitergehen. Sind die Hände schwielenfrei, geht jemand vermutlich zur Schule. „Dann gehört man für die Taliban zur Regierung. Und das kann den Tod bedeuten“, sagt Jawad. Dies sei nur ein Aspekt, wie Menschen unter der Terrorgruppe leiden. Diese Gewalt aus Willkür war mit ein Grund, warum Jawads Familie aus Afghanistan geflüchtet ist.

Immer in der Angst, ins Visier der Grenzsoldaten zu geraten

Hört man sich seine Geschichte an, klingt sie zunächst wie die klassische Fluchtgeschichte: Flucht aus Afghanistan über Pakistan in den Iran. Von dort über die Türkei nach Griechenland und über die Balkanroute über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Zumindest die Strecke ab Griechenland haben vor zwei Jahren Abertausende genommen. Jawad ist da keine Ausnahme. Aber jeder Mensch trägt sein eigenes Schicksal. Jawad erzählt, wie er mit seiner Familie, mit Mutter, Schwester und Tante, zu Fuß die Landesgrenzen im Länderdreieck zwischen Afghanistan, Pakistan und dem Iran überquerte, immer in der Angst, wortwörtlich ins Visier iranischer Grenzsoldaten zu kommen. „Unter den Flüchtlingen sind Menschen aller Altersgruppen. Doch junge Männer sind am zahlreichsten“, sagt der 18-Jährige. Um unbemerkt zu bleiben, geht es durch die Berge im Dreiländereck darum nur nachts und in kleinen Gruppen. Jawad sagt, er wäre schwarz gefahren, meint damit aber nicht, das Fahren ohne Ticket im Zug oder Bus, sondern das Reisen ohne Pass oder Ausweis.

Erst im Iran wächst die Idee, nach Europa zu fliehen

Über drei Monate hält er sich mit seiner Familie im Iran auf – illegal. Denn als Afghane bekommt er keine Aufenthaltserlaubnis. Er erhält trotzdem eine Arbeit und näht Jacken zusammen, erzählt er. Eine langfristige Perspektive ist das nicht, zumal die Angst vor der Abschiebung durch die Polizei allgegenwärtig ist. Jawad spricht mit seinem damaligen Chef über seine Lage. Erst jetzt kommt die Idee auf, nach Europa zu fliehen. Zusammen mit seiner Mutter beschließt er, weiterzureisen – alleine. Denn der Fluchtweg ist nichts für Frauen. Zum einen wegen der körperlichen Strapazen, zum anderen „sind die Schmuggler sehr schlimm, sie machen mit ihnen, was sie wollen“. Auch hat Jawad kein Geld, um für eine sichere Passage für alle Familienmitglieder zu bezahlen – und das, obwohl die Familie in der Heimat Land, Haus und Tiere verkauft hat. „Eigentlich waren wir einmal wohlhabende Bauern“, sagt Jawad.

Kinder sterben in den Bergen, Menschen ertrinken im Mittelmeer

Und dass Gefahr für alle Flüchtlinge besteht, und zwar für Leib und Leben, diese Erfahrung muss Jawad bedauernswerterweise mehrfach machen. Als er etwa mit einer Gruppe Berge von Pakistan in den Iran überquert, raten Schmuggler, für die angeblich kurze Reise lediglich Wasser und Kekse als Proviant einzupacken. Das ist viel zu wenig. Zwei Kinder, ein Säugling und ein Achtjähriger, erzählt Jawad, verhungern unter den Strapazen. „Den schlimmsten Moment“ aber erlebt er auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland: Bei der sechs Stunden langen Überfahrt ist die See am Ende so rau, dass das Boot fast umkippt. Eine schwangere Frau und ein alter Mann fallen ins Meer und ertrinken. Jawad und andere Flüchtlinge müssen hilflos zusehen. Ihre Handys haben kein Netz, Rettung ist ausgeschlossen.

„Deutsche sind gut, die Franzosen Rassisten“

Dass seine Flucht nach Deutschland führen soll, dieser Plan kommt erst in Griechenland auf. „Unter Afghanen hat Deutschland einen guten Ruf. Die Menschen dort sind gut, für uns gibt es dort eine Zukunft“, schildert Jawad seine und die Überlegungen anderer Afghanen von damals. Franzosen gelten hingegen als rassistisch. Aber ob das wirklich so ist, wisse er selbst heute nicht.

Schule beenden, Studieren, Journalist werden – und die Familie nachholen

Hier in Norddeutschland arbeitet Jawad nun daran, sich ein neues Leben aufzubauen. Sein Praktikum beim dk soll ein Baustein dazu sein. Der 18-Jährige besucht derzeit in Bremen eine gymnasiale Oberstufe. In einem Jahr soll sich herausstellen, ob sein Aufenthalt verlängert wird. Dafür, dass er sich in ein neues Schriftsystem einarbeiten musste, ist sein Deutsch nach zwei Jahren beachtlich gut. Die Schule beenden, studieren, Journalist werden. Das ist Jawads Plan. Ein Traum wäre es, auch die Familie nachzuholen. Irgendwann.


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