Delmenhorst so beliebt wie selten Dünne Luft auf dem Baulandmarkt

Meine Nachrichten

Um das Thema Delmenhorst Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Wenig Bauland, aber Fahrt im Geschosswohnungsbau:  Das Bild zeigt einen Neubau an der Wildeshauser Straße nahe der Auffahrt zur A 28. 144 solcher Wohnungen in Delmenhorst entstehen nach der jüngsten Statistik jährlich. Foto: Frederik GrabbeWenig Bauland, aber Fahrt im Geschosswohnungsbau: Das Bild zeigt einen Neubau an der Wildeshauser Straße nahe der Auffahrt zur A 28. 144 solcher Wohnungen in Delmenhorst entstehen nach der jüngsten Statistik jährlich. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. Die Stadt Delmenhorst verzeichnet eine ungekannte Zuwanderung aus den umliegenden Gemeinden – wäre da nicht Ganderkesee. Warum es diese Wanderungen gibt, darüber kann die Stadt nur mutmaßen. Ungewöhnlich hoch ist auch die Zahl derjenigen, die gerne in Delmenhorst bauen würden – wenn es denn Platz gäbe.

Delmenhorst und Ganderkesee sind in den vergangenen Jahren eine eigenartige Art der Konkurrenz eingegangen. Beide Kommunen versuchen, Bauland für die Bürger schaffen – mit dem Resultat, dass seit Jahren, bauwillige Delmenhorster in die Flächengemeinde abwandern, weil in der Delmestadt nicht genug Flächen ausgeschrieben werden. Diese Abwanderungswelle blieb auch 2016 konstant hoch: Laut Statistik der Verwaltung verließen 533 Delmenhorster die Stadt in Richtung Ganderkesee. Mit zwei Ausnahmen (2008 und 2013) sind in den vergangenen zehn Jahren jedes Jahr mehr als 500 Menschen in die Gantergemeinde abgewandert.

Delmenhorst so beliebt wie selten

Die gute Nachricht für Delmenhorst: Ihrerseits scheint die Stadt bei umliegenden Kommunen beliebt wie selten zu sein. So ziehen seit 2012 jährlich deutlich mehr als 700 Bremer nach Delmenhorst, 2016 waren es 780. Und: 2016 zogen 170 Oldenburger – Höchstwert der vergangenen zehn Jahre – nach Delmenhorst, die zugewanderten Wildeshauser knackten erstmals die 100er Marke und aus Stuhr ziehen seit Jahren jährlich 100 Menschen zu. Natürlich wandern auch Delmenhorster ab. Gegengerechnet sieht die Bilanz mit Ganderkesee eher düster aus. Zwischen 2006 und 2016 verlor Delmenhorst im Saldo 1280 Bürger an Ganderkesee. Im Gegenzug gewann die Stadt 1092 Bremer und immerhin 165 Stuhrer. Dies geht aus Angaben des Wohnungsmarktberichts und der Statistik der Stadt Delmenhorst hervor. Gerade die Zuwanderung bauwilliger Bremer hat Stadtbaurätin Bianca Urban zuletzt öfter als „einmalige Chance“ für die Stadt bezeichnet.

Bislang erfasst die Stadt Wanderungsmotive nicht

Warum allerdings diese Wanderungen stattfinden, ist nicht erfasst. Zwar hat die Stadt Delmenhorst eine Wanderungsmotivbefragung inhaltlich bis Ende 2016 vorbereitet, aber in 2017 „wegen derzeit nicht vorhandener Kapazitäten“ noch nicht durchgeführt, heißt es auf Anfrage. Bis dahin kann sie nur mutmaßen. Die Perspektive auf günstige Mieten, bezahlbares Bauland oder erschwingliche Immobilien sind dabei nur drei mögliche Motive.

Interessentenliste auf ungekannten Höchststand

Was aber vorliegt, ist eine Interessentenliste für städtische Baugrundstücke. Und der neueste Stand aus dem September 2016 führt im Wohnungsmarktbericht 554 potenzielle Käufer auf – und ist damit seit Jahren auf einem bisher ungekannten Höchststand. Wie dünn die Luft auf dem privaten Wohnungsmarkt ist, zeigen Daten der Delmenhorster Wirtschaftsförderungsgesellschaft (dwfg): Rund 6800 Quadratmeter an Privatgrundstücken wurden 2015 verkauft. Das ist etwa die Hälfte der Fläche, die im Schnitt in den Vorjahren seit 2005 veräußert wurde. Zudem berichtet der Fachdienst Stadtentwicklung auf Anfrage unter Berufung auf den Gutachterausschuss für Grundstückswerte Oldenburg-Cloppenburg (GAG) von 505 bebauten Grundstücken in Delmenhorst, die 2016 verkauft wurden. Ein seit 2012 konstantes, hohes Niveau. Zudem ist der Kaufpreis für ein freistehendes Haus in der Stadt um 19.000 Euro auf 182.000 Euro gesprungen – „der deutlichste Anstieg seit Jahren“, stellte der GAG im Februar fest.

Steuern in Ganderkesee wachsen schneller als in Delmenhorst

Im Wohnungsmarktbericht ziehen die Autoren die Schlussfolgerung, dass durch diese Gemengelage – hohe Nachfrage bei geringem Angebot – Bauwillige in die Nachbarkommunen abwandern. Und unter ihnen seien insbesondere einkommensstarke Haushalte, die Delmenhorst in Richtung Landkreis „verloren gehen“. Ein Aspekt, der mangels Befragung eine Mutmaßung ist, aber angesichts der Grundstückspreise nachvollziehbar klingt: So ist laut GAG der Preis für einen Quadratmeter Bauland in Delmenhorst 2016 um zwölf Euro auf 124 Euro geklettert. Dieser Preis liegt damit deutlich über dem, was in Ganderkesee (105 Euro), Hude (100 Euro) oder Harpstedt (70 Euro) gezahlt wird. Und auch das Anschwellen der Steuereinnahmen weisen auf eine Abwanderung der finanzstarken Delmenhorster nach Ganderkesee hin: Laut Landesamt für Statistik nahm Delmenhorst 2006 16,75 Millionen Euro an Einkommenssteuer aus dem Gemeindeanteil ein. 2015 waren es 25 Millionen Euro – ein Plus von fast 50 Prozent. In Ganderkesee waren es im gleichen Zeitraum 67 Prozent (von 7,87 auf 13,16 Millionen Euro).

Bauland ist Mangelware, Bauordnungsbehörde kommt trotzdem ins Stottern

Angesichts des mangelnden Angebots verwundert es, dass die Delmenhorster Bauordnungsbehörde bei der Bearbeitung von Anträgen kaum hinterherkommt: Derzeit sind 200 Fälle offen, 2016 sind 465 Bauanträge bei ihr eingegangen, rund ein Viertel mehr als im Jahr zuvor, wurde kürzlich im Bauausschuss des Rates berichtet. Dies könnte auch durch das Füllen von Baulücken oder durch Abriss und Neubau eines Bestandsgebäudes zu erklären sein. Eine Statistik hierzu führt der Fachdienst Stadtentwicklung aber nicht, teilt die Verwaltung auf Anfrage mit.

Hoch beim Geschosswohnungsbau

Was weiterhin verwundert: Angesichts des Mangels für Häuslebauer nimmt der Geschosswohnungsbau in Delmenhorst an Fahrt auf. „Da geschieht eine Menge, da ist Feuer drin“, sagt dwfg-Chef Axel Langnau auf Anfrage und nennt als Beispiele aktuelle Projekte in Deichhorst oder an der Bremer Straße. Er verweist auf den Wohnungsmarktbericht 2016, wonach nach Angaben der N-Bank 2014 144 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern entstanden sind – so viele wie seit 2000 nicht mehr. Insgesamt wurden in dem Jahr 229 Wohnungen gebaut. 2014 ist diesen Zahlen nach auch das bisher einzige Jahr, in dem die Stadt ihr 2011 formuliertes Ziel erfüllt hat, bis 2025 jährlich mindestens 200 Wohnungen, optimalerweise je zur Hälfte in Mehrfamilienhäusern und in Ein- sowie Zweifamilienhäusern, entstehen zu lassen. Langnau: „Ohne Frage ist, dass in beiden Segmenten Bedarf besteht.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN