Beratungsstelle BISS Häusliche Gewalt in Delmenhorst – Jeden Tag ein Opfer

Meine Nachrichten

Um das Thema Delmenhorst Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

360 Mal schlugen Täter in Delmenhorst vergangenes Jahr im häuslichen Bereich zu. Mit großer Mehrheit waren Frauen die Opfer. Symbolfoto: Bodo Marks/dpa360 Mal schlugen Täter in Delmenhorst vergangenes Jahr im häuslichen Bereich zu. Mit großer Mehrheit waren Frauen die Opfer. Symbolfoto: Bodo Marks/dpa

Delmenhorst. Jeden Tag wird in Delmenhorst ein Mensch Opfer von häuslicher Gewalt. Besonders häufig sind Frauen unter den Opfern vertreten. Die Beratungsstelle BISS erklärt, was es mit der Gewalt auf sich hat.

Es war ein schönes Zeichen, das Dutzende Frauen und Mädchen Mitte Februar in der Markthalle gesetzt hatten: Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt hatte zu einem spontanen Tanz aufgerufen , um gegen Gewalt an Frauen zu protestieren. Doch wie sieht es damit überhaupt in Delmenhorst aus?

Jeden Tag ein Opfer

Laut Polizeistatistik wurden im Jahr 2016 insgesamt 360 Fälle von häuslicher Gewalt in Delmenhorst angezeigt. In 82,5 Prozent der Fälle sind die Täter Männer, die große Mehrheit der Opfer sind Frauen. Wird die Polizei zu solchen Fällen gerufen, informiert sie später unter anderem die Beratungs- und Interventionsstelle Delmenhorst (BISS), die wiederum Kontakt zu den Opfern aufnimmt. Bei der BISS melden sich wiederum eigenständig Frauen, sagt Birgit Sikken, Leiterin der BISS. 2016 waren das zwölf. „Rechnerisch also wird ungefähr jeden Tag ein Mensch Opfer von häuslicher Gewalt in Delmenhorst“, sagt Sikken. Zusätzlich geht sie von einer hohen Dunkelziffer aus, weil nicht alle Taten zur Anzeige kommen.

(Weiterlesen: Hilfe für Gewalttäter in Delmenhorster Gruppe)

Geldentzug, Zwangsverheiratungen, Schläge und Tritte

Dabei könne die Qualität der Gewalt sehr unterschiedlich sein und reiche über psychische Gewalt wie der Entzug von Geld über Zwangsverheiratungen, Gewalt im Namen der Ehre oder Stalking. Überwiegend ist es aber die körperliche Gewalt, die mehrheitlich Frauen erleiden müssen, sagt Sikken. Tritte in den Bauch etwa, deren Spuren später von Kleidung verdeckt wird. Dass Frauen an den Haaren gerissen oder geschlagen werden, käme ebenso vor. Dabei findet es Sikken schlimm, dass insgesamt fast 360 Kinder Zeugen der Übergriffe wurden.

(Weiterlesen: Neues Netzwerk soll Gewalt an Schulen verhindern)

Viele Opfer haben einen Migrationshintergrund

Und noch eine Zahl in interessant: In den knapp 300 Fällen von Gewalt gegen Frauen hatten 155 einen Migrationshintergrund. „Das ist ziemlich viel für eine Stadt wie Delmenhorst, in der 14 Prozent aller Einwohner Ausländer sind“, sagt Sikken. Auf diese Gruppe gingen etwa auch Zwangsverheiratungen zurück: „Hier handelt es sich in der Regel um Gewalt durch Väter, die die Tochter zurück ins Heimatland verheiraten wollen. Die Mädchen melden sich dann bei uns, weil sie zum einen die Heirat ablehnen, und zum anderen möglicherweise selbst hier geboren sind und das Land nicht verlassen möchten“, erläutert die Sozialpädagogin. Gewalt gegen Migrantinnen sei ein ganz eigener Themenkomplex: „Möglicherweise sind im Herkunftskulturkreis Schläge normal. Oft sehen Männer keine andere Lösung, als zu schlagen, weil sich die Frauen emanzipieren, schneller Deutsch lernen und so schneller Kontakt zur hiesigen Gesellschaft aufnehmen und letztlich europäisch leben möchten“, schildert Sikken. Der Mann gerate in Abhängigkeit von der Frau – und dies kehre das Rollenbild mitunter vollends um. „Gewalt ist darum oft ein Akt der Verzweiflung.“

(Weiterlesen: Gewalt gegen Delmenhorster Polizeibeamte bereitet Sorgen)

„Eine zweite, dritte, vierte und fünfte Chance“

Die BISS selbst informiert Opfer beispielsweise über einstweilige Verfügungen, die erwirken, dass der Täter die Wohnung nach einem Übergriff längerfristig zu verlassen hat, oder über ein Näherungs- und Kontaktverbot. Wie es dann aber weiter geht, ob es dann zur Trennung komme oder nicht, wisse Sikken nicht – für eine intensive Nachbetreuung sei das Angebot nicht ausgelegt. „Wir wissen, dass sich viele Frauen fünf- bis sechsmal im Jahr bei der Polizei melden. Und wir wissen, dass diese Frauen ihrem Partner nicht nur eine zweite, sondern eine dritte, vierte oder fünfte Chance geben.“ Die Angst der Frauen, sich selbstständig – etwa bei der Wohnungssuche oder der Jobcenteranmeldung – neu behaupten zu müssen, ist laut Sikken aber eine sehr große, nachdem sie zuvor lange durch Gewalt oder Beleidigungen kleingehalten worden sind. Auch die Angst, dass die Familie bei einer Trennung den Kontakt abbrechen könnte, sei enorm. Generell lasse sich sagen, dass ein umso größeres Abhängigkeitsverhältnis zum Mann bestehe, je geringer die persönliche Bildung einer Frau sei – weil somit die eigenen Perspektiven schlechter seien.

Flüchtlinge noch kaum präsent

Flüchtlinge übrigens nehmen die Beratung in der BISS bislang sehr selten an. „Das Angebot ist unter ihnen auch kaum bekannt. Und es gibt eine sprachliche Barriere. Aber ich vermute, dass die Zahl der Beratungen künftig anziehen wird“, prognostiziert die 55-Jährige.

(Weiterlesen: Gewalt an Frauen – Gleichstellungsstelle gibt Tipps zum Gewaltschutz)

Manchmal hilft jede Beratung nicht

Manchmal helfe aber jede Beratung nicht. Etwa dann, wenn Gewalt durch Demenz entstehe. Sikken: „In seltenen Fällen sind Täter und Opfer weit über 70 Jahre alt. So ein Übergriff zählt zwar zur Kategorie häusliche Gewalt, aber da können wir nur die Familie informieren. Schließlich verstehen die Täter nicht mehr, was zum Beispiel überhaupt eine einstweilige Verfügung ist.“

Die Beratungsstelle BISS ist unter Telefon (04221) 968182 oder per Mail unter biss@awo-delmenhorst.de erreichbar. Unter dieser Internetseite informiert die AWO über das Beratungsangebot und das Delmenhorster Frauenhaus.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN