Launiger Talk in der Divarena Gregor Gysi plaudert in Delmenhorst aus seinem Leben

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Delmenhorst. Über seine Rolle bei der Deutschen Einheit, die Zukunft Europas und die richtige Zubereitung einer Weihnachtsgans hat Gregor Gysi am Mittwoch in der Divarena gesprochen. Das Publikum erlebte einen vergnüglichen Abend, der im zweiten Teil durchaus politisch wurde.

Die Divarena im Neuen Deichhorst hat sich vor allem als Bühne für Comedians einen Namen gemacht. Am Mittwochabend stand dann zwar kein ausgemachter Komiker auf der Bühne, doch so mancher Comedian, der schon dort aufgetreten ist, dürfte sich insgeheim wünschen, so viele treffsichere Pointen im Repertoire zu haben, wie der Gast des Abends Gregor Gysi. Der Ur-Berliner, Bundestagsabgeordneter der Linken und noch immer prominentestes Gesicht der Partei, legte vor ausverkauften Haus einen vergnüglichen Abend hin, bei dem der Delmenhorster Journalist Steffen Peschges als Stichwortgeber fungierte. Denn Fragen, die braucht ein Medienprofi wie Gysi eigentlich nicht, um einen Abend lang unterhaltsam aus seinem Leben zu plaudern.

Ausstieg in Raten

Gysi, der erst fünf Minuten vor seinem Auftritt in der Divarena ankam, brauchte keine Warmmachphase. Der auch von politischen Gegnern als brillanter Rhetoriker geschätzte Kollege hatte das Publikum schnell auf seiner Seite. Dass er in Zukunft zwar politisch kürzertreten will, aber von einem kompletten Ausstieg noch weit entfernt ist, machte der Politik-Profi dabei klar. Raus aus der ersten Reihe, kein Spitzenamt in der Fraktion mehr, mehr Zeit für die Familie: „Man sollte nicht aufhören, wenn man im Keller ist, wie es viele andere getan haben“, sagte Gysi, der freimütig zugab, dass die Familie unter seinem politischen Werdegang gelitten habe. „Ich habe mich über Jahre zu wichtig genommen und für unentbehrlich gehalten“, sagte der 68-Jährige. Und dennoch tritt er bei der Bundestagswahl noch einmal an, nicht über die Liste. Er will das Direktmandat – und dann in einer rot-rot-grünen Regierung seine „unentbehrlichen und nervigen Ratschläge“ geben, sagt Gysi augenzwinkernd. Obwohl: so richtig glaube er nicht daran, dass rot-rot-grün wirklich kommt.

Bei Europa packt Gysi die Leidenschaft

Der CDU wünschte Gysi die Oppositionsrolle, allein schon deshalb, damit aus ihr wieder eine konservative Partei werden könne. Und gemeinsam mit den Grünen müssten die Linken die SPD unter Druck setzen, damit die SPD wieder sozialdemokratisch werde. Beide Wege seien wichtig, um der AfD die Grundlage für ihre Wahlerfolge zu entziehen. Richtig leidenschaftlich wurde Gysi bei einem Thema, das ihn aktuell umtreibt. Die Zukunft der Europäischen Union, die er derzeit zwar für unsolidarisch hält, für deren Erhalt und Reformierung es aber zu kämpfen gelte. Am Wochenende will sich Gysi deshalb zum Vorsitzenden der Europäischen Linksparteien wählen lassen, um mehr Einfluss zu bekommen. Die Lage in Europa sei ernst. Der Brexit sei zwar ärgerlich, aber noch keine Katastrophe. Doch wenn Le Pen Präsidentin in Frankreich werde und Frankreich Europa verlässt, „dann ist Europa mausetot“.

Stolz auf Rolle in der Wendezeit

Beim Blick zurück in seine eigene Vita betonte Gysi seine Rolle bei der Deutschen Einheit. Mehr zufällig sei er, der gelernte Rechtsanwalt, in der Wendezeit in die Politik gerutscht. Und doch habe er seinen Beitrag geleistet, dass die Wende ohne einen einzigen Schuss und Blutvergießen über die Bühne gegangen sei. „Dafür danken mir führende Konservative heute sogar persönlich“, betonte Gysi. Dass es an direkt an der Mecklenburgischen Seenplatte bisher noch keine „McDonalds-Bude“ gebe, sei ihm im Übrigen auch zu danken. Prinz Claus aus den Niederlanden hatte sich in den Wirren der Wendezeit an Gysi gewandt, um die Fast-Food-Kette zu verhindern. Gysi selbst habe das an entsprechende Stellen weitergeleitet. Auch hier hat Gysi die Lacher im Publikum auf seiner Seite. Das liegt auch daran, das der nicht uneitle Gysi auch über sich selbst lachen kann. Und so erzählte der nur 1,63 Meter große Gysi am Ende in bester Komiker-Manier noch Gysi-Witze wie diesen nicht ganz taufrischen: „Komme ich mit Norbert Blüm an die Bar und sage: ,Zwei Kurze, bitte!‘ Sagt der Barkeeper: ,Das sehe ich. Und was wollt ihr trinken?‘“ Und als Gysi dann noch Tipps für die richtige Zubereitung der Weihnachtsgans gab („Bereits 30 Minuten vor Ende der Garzeit zerteilen und dann noch einmal zurück in den Ofen“) war das Rundumpaket des Abends geschnürt. Dass Gysi noch in der Pause und nach dem Talk fleißig Bücher signierte, kam zusätzlich gut an – nicht nur bei echten Linken.


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