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Zahl der Opfer auf 37 gestiegen Fall Niels H.: Anklagen gegen sechs Klinikmitarbeiter

37 Menschen soll Niels H. in Delmenhorst getötet haben. Gegen sechs Mitarbeiter des Klinikums wurde in diesem Zusammenhang nun Anklage erhoben. Foto: dpa37 Menschen soll Niels H. in Delmenhorst getötet haben. Gegen sechs Mitarbeiter des Klinikums wurde in diesem Zusammenhang nun Anklage erhoben. Foto: dpa

Delmenhorst/Oldenburg. Totschlag durch Unterlassung im Zuge der Taten des Todespflegers Niels H. wird sechs Mitarbeitern des Klinikums Delmenhorst vorgeworfen. Drei von ihnen arbeiten noch immer in Delmenhorst. In Oldenburg werden mehr als 100 Fälle untersucht.

Der Fall des Todespflegers Niels H. könnte auch juristische Folgen für damalige Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst haben. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft Oldenburg am Freitag mitteilten, wird gegen sechs Verantwortliche aus dem ehemaligen Klinikum, jetzt Josef-Hospital Delmenhorst (JHD), Anklage wegen Totschlags durch Unterlassung erhoben. Drei von ihnen arbeiten auch heute noch im Delmenhorster Krankenhaus. Mittlerweile gehen die Ermittlungsbehörden von 37 nachweisbaren Tötungsdelikten aus, die Niels H. während seiner Tätigkeit in Delmenhorst vom Dezember 2002 bis Juni 2005 begangen haben soll.

Bis zu fünf Taten werden Mitarbeitern vorgeworfen

Den jetzt angeklagten Mitarbeitern des Klinikums wird vorgeworfen, trotz eindeutiger Hinweise auf die Taten Niels H.s nicht tätig geworden zu sein, und somit die Morde und Mordversuche in dieser Zeit nicht verhindert zu haben. Laut Mitteilung der Staatsanwalt betrifft dies den damaligen Stationsleiter für den Bereich Pflege in der Intensivstation, dem vier Fälle von Totschlag durch Unterlassung vorgeworfen werden. Ebenfalls angeklagt werden seine zwei Stellvertreterinnen, einer werden fünf Taten zur Last gelegt, der anderen eine. In drei Fällen wird sich ein damals auf der Intensivstation tätiger Pfleger verantworten müssen. Jeweils ein Fall wird zwei Oberärzten vorgeworfen, aus deren Abteilungen Patienten auf die Intensivstation verlegt wurden. Das Landgericht Oldenburg hat laut Mitteilung noch nicht über die Eröffnung des Hauptverfahrens entschieden. Für Totschlag durch Unterlassen droht eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf und höchstens 15 Jahren.

JHD-Geschäftsführer will auf Urteil warten

Arbeitsrechtliche Konsequenzen wird es für die noch im JHD tätigen Beschuldigten aktuell noch nicht geben, wie Geschäftsführer Thomas Breidenbach gestern mitteilte: „Es wäre zum jetzigen Zeitpunkt falsch und spräche gegen die Grundprinzipien eines rechtsstaatlichen Strafverfahrens, uns vorab ein Urteil über diese Mitarbeiter zu erlauben.“ Dies sei Sache der Justiz. Bevor kein rechtskräftiges Urteil vorliegt, gelte die Unschuldsvermutung. „Es bleibt nun der Ausgang des Strafverfahrens abzuwarten, aus dem wir dann unsere Konsequenzen ziehen werden“, kündigte Breidenbach an.

Niels H. tötete noch in der letzten Schicht

Den neuesten Untersuchungen der Sonderkommission „Kardio“ zufolge, hat Niels H. noch in seiner letzten Schicht am 24. Juni 2005 eine Patientin im Klinikum Delmenhorst getötet – obwohl eine Kollegin ihn bereits zwei Tage vorher bei einem Mordversuch erwischt hatte. Jedoch sei entschieden worden, dass Niels H. noch die beiden Schichten bis zum Antritt seines Urlaubs arbeiten soll. Dabei kam es wohl zu seiner letzten Tat, wie er gegenüber den Ermittlungsbehörden zugegeben hat. Dabei verwendete er nicht das Medikament Gilurytmal, sondern einen sogenannten Beta-Blocker mit dem Wirkstoff Sotalol. Derzeit arbeiten laut Mitteilung Experten an Untersuchungsmöglichkeiten, den Wirkstoff Sotalol und weitere möglicherweise von Niels H. verwendete Wirkstoffe nachzuweisen. (Weiterlesen: Ermittler rechnen Niels H. noch mehr Taten zu)

Deutliche Hinweise bereits im Mai 2005

In den Fokus der Ermittler ist zuletzt vor allem das Ende der Mordserie im Mai und Juni 2005 geraten, was nun auch zu den Anklagen gegen sechs Klinikmitarbeiter geführt hat. So seien nach einer erfolglosen Reanimation eines Patienten am 10. Mai leere Gilurytmal-Ampullen gefunden worden. Im Anschluss daran sollen ein ehemaliger Pfleger, eine stellvertretende Stationsleiterin und später auch der Stationsleiter die mögliche Täterschaft Niels H.s ausdrücklich erörtert haben. Nach Ansicht der Ermittlungsbehörden hätte sich in diesem Zeitraum der zuvor schon vage vorhandene Verdacht gegen Niels H. so stark verdichtet, dass die angeklagten Klinikmitarbeiter weitere Taten ernsthaft für möglich hätten halten können und somit zum Einschreiten verpflichtet gewesen wären.

Fünf Taten zwischen Mai und Juni

Im Zeitraum bis zum 24. Juni 2006 soll es so laut Anklage noch zu drei weiteren Morden – am 22. und 25. Mai sowie am 24. Juni – sowie am 1. und 22. Juni zu zwei Tötungsversuchen gekommen sein. „Die Anklage geht davon aus, dass diese Taten im Falle des gebotenen Einschreitens hätte verhindert werden können“, heißt es in der gemeinsamen Mitteilung der Polizei und der Staatsanwaltschaft.

Vier Exhumierungen stehen noch aus

Für die Tat vom 22. Juni wurde Niels H. im Juni 2008 zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Nachdem weitere Fälle ans Licht gekommen waren, wurde er 2015 wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft verurteilt. Im zweiten Verfahren wurde deutlich, dass es sich bei den damals sechs verhandelten Taten nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Nach zahlreichen Exhumierungen gehen die Ermittler vor 37 Tötungsdelikten, wo die sechs Taten aus dem Urteil von 2015 mit eingerechnet sind, aus. Die Ergebnisse von vier Exhumierungen von Patienten aus dem Klinikum Delmenhorst stehen noch aus.

Mehr als 100 Verdachtsfälle im Klinikum Oldenburg

Nicht nur bei seiner Arbeit im Klinikum Delmenhorst, sondern auch schon zuvor am Klinikum Oldenburg soll Niels H. für den Tod von Patienten verantwortlich sein. Die Ermittler gehen derzeit von über 100 Verdachtsfällen aus. Ein dringender Tatverdacht besteht laut Mitteilung der Staatsanwaltschaft und der Polizei aktuell in sechs Fällen, wobei die Ermittlungsbehörden in vier Fällen von Kaliumvergiftungen und in zwei Fällen von Ajmalinvergiftungen ausgehen.

Taten erst nach Mordprozess zugegeben

Im Mordprozess im vergangenen Jahr hatte Niels H. noch abgestritten, auch im Klinikum Oldenburg gemordet zu haben. Später hatte er dies doch zugegeben, wie die Ermittler bei einer Pressekonferenz im Juni berichteten. Die Ermittlungen zu möglichen weiteren Taten von Niels H. am Klinikum Oldenburg dauern laut Mitteilung noch an. Es seien bereits über 300 Patientenakten auf eine mögliche Übereinstimmung der Dienstzeiten von Niels H. mit auffälligen Krankheitsverläufen der Patienten überprüft worden. Die Patientenakten stammen laut Mitteilung sowohl aus der Zeit seiner Beschäftigung auf der Kardio-Intensivstation als auch aus seiner Zeit in der Anästhesie.

Mögliche Opfer bereits exhumiert

Nach Auswertung dieser Unterlagen wurden über 100 staatsanwaltliche Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts von Tötungsdelikten gegen Niels H. eingeleitet. Die Auswertung der Krankenunterlagen durch einen von der Staatsanwaltschaft beauftragten medizinischen Sachverständigen dauert noch an. Aufgrund einiger bereits vorliegenden Gutachten sind durch die Staatsanwaltschaft weitere Exhumierungsbeschlüsse erwirkt worden, die von der Sonderkommission „Kardio“ aktuell umgesetzt werden. Während der Adventszeit und der bevorstehenden Feiertage werden laut Mitteilung jedoch keine Exhumierungen stattfinden.

Weiterlesen: WDR sperrt Interview mit Krankenhaus-Mörder Niels H.

Auch gegen Klinikmitarbeiter in OIdenburg wird ermittelt

Die Soko „Kardio“ plant, die Ermittlungen zu möglichen Taten von Niels H. im Klinikum Oldenburg mit Ablauf der ersten Jahreshälfte 2017 abzuschließen. Auch in Oldenburg könnte es zu Konsequenzen für andere Mitarbeiter des Krankenhauses kommen. Da die Untersuchungen gegen die Verantwortlichen laut Staatsanwaltschaft in direktem Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Niels H. stehen, dauern diese ebenfalls noch an.

Weitere Informationen folgen.


Tod per Injektion – Der Fall Niels Högel

Der wegen Mordes verurteilte Ex-Pfleger Niels H. spritzte Patienten gefährliche Medikamente, um sie dann als Held zu reanimieren. So kam man ihm auf die Spur:

1999-2002: Der Pfleger arbeitet am Klinikum Oldenburg. Auf zwei Stationen ist er auffällig oft bei Wiederbelebungen dabei. Die Polizei untersucht dort zunächst den Tod von mehr als 20 Patienten.

2003-2005: Niels H. arbeitet als Pfleger auf der Intensivstation am Klinikum Delmenhorst. Die Todesrate in der Abteilung verdoppelt sich in dem Zeitraum beinahe. Die Ermittler gehen dort zunächst mehr als 160 Fällen nach.

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat.

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt ihn wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

Juni 2008: Das Landgericht verurteilt den Mann im Revisionsprozess zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs. Im Dezember wird das Urteil rechtskräftig. Das Berufsverbot tritt in Kraft.

2012: Vor Mitgefangenen brüstet er sich mit weiteren Taten. Nach 50 Tötungen habe er aufgehört zu zählen, zitiert ihn später ein Zeuge.

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann. Diesmal wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Der Prozess beginnt im September.

November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Es gibt mehr als 200 Verdachtsfälle in mehreren Städten.

Januar 2015: Der psychiatrische Gutachter verliest eine Erklärung des Angeklagten. Darin gesteht er 90 Taten am Klinikum Delmenhorst. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.

Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft. Außerdem wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt.

März 2015: Auf einem Friedhof in Ganderkesee werden acht Gräber geöffnet. Bis Juni werden in Delmenhorst weitere 21 Leichen ausgegraben. Dabei werden mindestens zehn weitere Opfer entdeckt.

Juni 2016: Die Ermittler gehen davon aus, dass Niels H. für mindestens 33 Todesfälle verantwortlich ist. Bei 27 von inzwischen 99 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst werden laut Polizei Rückstände eines Herzmedikaments entdeckt, dass der Pfleger den Patienten absichtlich gespritzt haben soll.

November 2016: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg erhebt Anklage gegen sechs Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst wegen Totschlags durch Unterlassen. Durch ihre Untätigkeit sollen Morde und Mordversuche nicht verhindert worden sein.

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