Das Raubtier als Nachbar Könnte sich der Wolf an der Großen Höhe ansiedeln?

Von Jasmin Johannsen


Große Höhe. Der Wolf vor der Haustür? Dieser Gedanke schreckt immer noch viele Deutsche ab. Kein Tier polarisiert die Deutschen so sehr wie der Wolf. Die einen sehen in ihm einen blutigen Jäger, die anderen freuen sich über seine Rückkehr in seine „alte Heimat“. Aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Wolf oder gleich ein ganzes Rudel in Delmenhorst oder im Waldgebiet der Großen Höhe niederlässt?

„Nicht sehr groß“, weiß Sylke Boers-Stoffels. Sie ist Hegeringleiterin der Stadt Delmenhorst und sieht den Wolf in der näheren Zukunft nicht in oder um Delmenhorst. „Natürlich könnte ein einzelner Wolf auf seiner Wanderschaft durch die Stadtgebiete ziehen, aber im Moment sehen wir vom Hegering die Chance, dass sich im Umkreis ein festes Rudel bildet, als sehr gering“, betont Boers-Stoffels. Schließlich habe es in letzter Zeit auch noch keine Berührungspunkte zwischen Mensch und Wolf in Delmenhorst gegeben. Der gleichen Meinung ist Hubert Brüning, Förster der Stadt. Er habe noch keine Spuren oder Fährten eines Wolfes im Stadtgebiet sichten können. „Mir wurde Derartiges auch noch nicht zugetragen“, sagt Brüning. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolfsrudel sich in der Nähe niederlässt, sieht er ebenfalls als gering an. Es gebe keine Prognosen, dass der Wolf komme.

Die Große Höhe als mögliches Verbreitungsgebiet

Dabei war der Canis lupus, so die lateinische Bezeichnung des Wolfes, bis vor 150 Jahren ein fester Bestandteil der deutschen Tierwelt. Nach seiner fast vollständigen Ausrottung durch den Menschen hat sich das erste Rudel Wölfe im Jahr 2000 wieder in der sächsischen Oberlausitz niedergelassen und ist von dort aus auf Wanderschaft gegangen. Inzwischen leben in Niedersachsen neun Wolfsrudel und zwei ortstreue Tiere ohne Partner. Deswegen sieht Carsten Sauerwein, Wolfsberater des Landkreises Oldenburg und der Stadt Delmenhorst, die Große Höhe auch durchaus als mögliches Verbreitungsgebiet des Wolfes an. „Die Große Höhe wäre als Jagdbezirk für ein Wolfsrudel allerdings überhaupt nicht ausreichend. Das Gebiet könnte höchstens als kleiner Teil eines Reviers in Erscheinung treten“, erklärt Sauerwein.

Oft freilaufende Hunde mit Wölfen verwechselt

Er berichtet von einer angeblichen Sichtung eines Wolfes vor einigen Monaten. Damals war ein Autofahrer auf ihn zugekommen und hatte erklärt, dass er in der Abenddämmerung auf einem Feldweg im Gebiet der Großen Höhe einen Wolf gesehen habe. Bei der Nachprüfung konnte Sauerwein allerdings keine Spuren finden. „Das ist dann eine unbestätigte Sichtung, ein sogenannter ‚C3‘. In solchen Fällen kann es sich auch um freilaufende Hunde handeln. Diese werden schneller mit Wölfen verwechselt, als man denkt“, weiß Sauerwein aus langjähriger Erfahrung. Ihm wurden in der Vergangenheit schon öfter Wolfssichtungen gemeldet, die aber unbestätigt blieben. „Im Moment haben wir keinen Hinweis auf ortsansässige Wölfe im Landkreis Oldenburg und in Delmenhorst“, stellt Sauerwein klar.

Der Wolf ist ein Opportunist

Um sich wohlzufühlen, brauchen die Wölfe dabei keine idyllischen Waldstücke. „Sie sind Opportunisten und können sich an die gegebenen Umstände gut anpassen“, erklärt der Wolfsberater. „Gerade die Wege des Menschen sind für den Wolf eine willkommene Erleichterung.“ Darum gehe das Tier auch ganz pragmatisch vor und wähle die kürzeste Strecke zwischen zwei Orten, selbst wenn diese durch bewohnte Gebiete führt. „Der Wolf sucht den Menschen aber nicht, er ist nur ein Nutznießer der menschlichen Errungenschaften“, betont Sauerwein. Die Verbreitung des Wolfes habe dabei auch nichts mit der Intaktheit der Natur zu tun, wichtig für ihn sei nur das Nahrungsspektrum– und das umfasse unter anderem Rot-, Reh- und Damwild sowie Mäuse, Kaninchen und Hasen, so Sauerwein. Deshalb sei die Verbreitung des Wolfes theoretisch auch von der Küste bis zu den Alpen in ganz Deutschland möglich.

Tipps rund um die Begegnung mit dem Wolf.

Sollte man beim Spazierengehen doch mal auf einen Wolf treffen, hat der Berater praktische Tipps. Gerade Hundehalter sollten dabei auf ganz bestimmte Art und Weise reagieren. „Da kleinere Hunde in das Beuteschema passen und größere Hunde dem Wolf gegebenenfalls als Konkurrent oder gar Paarungspartner erscheinen können, sollten sie ganz nah am Mann geführt werden“, weiß Sauerwein. Am besten sei es natürlich, wenn der Hund immer angeleint geführt werde. „Wenn ein Wolf in Sichtweite auftaucht, dann sollte langsam der Rückzug angetreten werden. Auf keinen Fall sollte man ihm hinterherlaufen oder ihn bedrängen“, empfiehlt Sauerwein. „Wenn möglich, wäre es gut, ein Foto von dem Tier zu machen und dann den Vorfall dem Wolfsberater zu melden.“ Allgemein könne der Wolf aber auch schon durch lautes Rufen oder Klatschen vertrieben werden.

Waldbesucher durch Wölfe nicht gefährdet

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ist sich allerdings sicher, dass die Waldbesucher durch Wölfe nicht gefährdet sind. So gehe von Wildschweinen eine viel höhere Gefahr aus als von Wölfen. Es spreche auch nichts dagegen, Kinder alleine in Wolfsgebieten spielen zu lassen. Diese sollten nur an „die Regeln für den Umgang mit Wildtieren“ gewohnt sein. Also respektvoll Abstand einhalten, kein Nachlaufen hinter Tieren, Jungtiere nie anfassen oder aufnehmen, kein Aufsuchen von Bauten oder Wurfhöhlen und niemals Tiere füttern. Trotzdem mahnt der Nabu gleichzeitig auch zur Vorsicht, denn eine hundertprozentige Sicherheit gebe es in der Natur ebenso wenig wie beim Zusammenleben mit Haustieren.


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