Biotop in Delmenhorst Hinter Kaufland laichen die Lachse

Von Jan Eric Fiedler


Delmenhorst. Bei einem Blick in die Delmenhorster Gewässer ist kaum zu glauben, dass dort Lachse zum Laichen hinwandern. Doch trotz der Rückkehr des Wanderfisches sieht der Fischereiverein noch viele ungelöste Probleme – auch in der Mentalität der Menschen.

Die Szene kennt man aus unzähligen TV-Dokumentationen: Die Lachse kämpfen sich vom Meer die Flüsse hoch und überwinden unzählige Hindernisse, um schließlich ihre Laichgründe in den seichten Flussgewässern zu erreichen. Im TV sind diese oft in den unendlichen Weiten Kanadas oder in der atemberaubenden Landschaft der russischen Halbinsel Kamtschatka. Es gibt sie aber auch hier. In der Welse hinter Kaufland an der Stedinger Straße.

Engagement für den Lachs startete in den 70ern

Dass sich Lachse in den Delmenhorster Gewässern wieder wohlfühlen, ist dem mehr als 30-jährigen Engagement des Delmenhorster Fischereivereins zu verdanken. „Der Lachs war hier definitiv ausgestorben“, blickt Dr. Jens Salva, Biologe des Landesfischereiverbandes Weser-Ems, zurück in die 1970er Jahre. Chemische Belastung und die Begradigung der Flüsse hatten einen Großteil des Lebens aus den hiesigen Flüssen verbannt. „Hier ist aus einer Katastrophe eine gute Sache geworden“, erinnert sich Hans-Günter Stasch, Ehrenvorsitzender des Fischereivereins. Er war nach einem Fischsterben in der Mili zu einer Strafe von 750 D-Mark verurteilt worden. Der Fischereiverein hatte die toten Fische nicht auf Anhieb ordnungsgemäß entsorgt. Die Auflage des Gerichts damals: Das Geld muss für einen guten Zweck ausgegeben werden.

Fischereiverein schafft die Grundlagen

So kam die Idee auf, sich an dem Ansiedlungsprogramm für den atlantischen Lachs zu beteiligen. „Man hat das damals belächelt“, sagt Salva zu dem Programm, das Ende der 70er auch an Ems und Oste anlief. „Die Wissenschaft hat gesagt, dass es keinen Zweck hat. Die Flüsse sind zu dreckig, zu belastet, zu begradigt.“ Jetzt ist der Lachs aber zurück. Und im vergangenen Jahr wurden mehr Lachse in Delmenhorst gezählt als je zuvor. Dafür haben der Fischereiverein Delmenhorst und die übrigen an der Delme beheimateten Fischereivereine die Grundlage geschaffen. Einerseits durch den Besatz mit Jungfischen, andererseits durch Renaturierungsmaßnahmen. Diese haben auch hinter Kaufland stattgefunden: Kiesbänke wurden in die Welse eingebracht und bilden einen idealen Untergrund zum Laichen.

Gewässerqualität bereitet Anglern Sorgen

Trotz dieser Erfolge, steckt sehr oft das Wort „aber“ in den Ausführungen von Salva und der Verantwortlichen des Fischereivereins. Denn ob sich der Lachs wieder langfristig in den örtlichen Gewässern halten kann, bleibt fraglich. „Strukturell haben wir viele Bereiche, die gut geworden sind“, sagt Salva mit Blick auf die Renaturierungsmaßnahmen. „Aber wir haben noch ein Problem mit dem Wasser.“ Dies betrifft beispielsweise die Verockerung und Versandung. Von Verockerung spricht man, wenn Eisenverbindungen ins Wasser gespült werden. Sichtbar wird dies durch eine rote Schicht, die sich am Grund der Gewässer ablagert - und somit auch auf den Kiesbänken, in denen die Lachse laichen. „Die Embryonalentwicklung wird beeinträchtigt“, erklärt Salva.

„Bewusstsein für Lebensraum entwickeln“

Neben der Verockerung ist die Versandung ein großes Problem der hiesigen Flüsse. „Es wir zu viel Material hineingetragen“, meint der stellvertretende Vorsitzende des Fischereivereins, Werner Husak. „Als Kind vor 35 Jahren konnte ich in Wiesengräben Stichlinge fangen. Jetzt sind sie trocken oder verockert“, fasst Salva diese Eindrücke zusammen. „Es wäre schön, wenn jeder für seinen Lebensraum ein Bewusstsein entwickelt“, meint Detlef Roß, Vorsitzender des Fischereivereins. Damit meint er nicht nur Landwirtschaft und Industrie, sondern jeden Bürger.

Denn vielen Delmenhorstern ist nicht bewusst, was sich dort in ihren Gewässern tummelt. Das bemerken die Mitglieder des Fischereivereins jedes Jahr, wenn sie beim Elektroangeln in den hiesigen Gewässern die zurückkehrenden Lachse und Meerforellen zählen. „Die Leute zeigen uns den Vogel, wenn wir sagen, dass wir Lachse fangen“, berichtet Husak. Und so landet aus Unachtsamkeit oder auch Absicht viel Müll in den Gewässern, wie die Mitglieder jedes Jahr bei der Aktion „Delmenhorst putzt sich heraus“ registrieren. „Wenn die Leute dann sehen, dass wirklich Lachse hier Leben, bringt sie das zum Nachdenken“, sagt Husak.

Weitere Arbeit am passenden Lebensraum

Angesichts dieser Probleme wirft Stasch eine Frage auf: „Macht unsere Arbeit überhaupt Sinn?“ Dies bejaht Salva: „Ohne den Lachs hätte man nicht so viele Wehre so durchlässig gestaltet.“ Der Lachs als populärer Fisch ermöglicht die Unterstützung vieler Maßnahmen, die sonst eventuell nicht möglich gewesen wären. Davon profitieren viele andere Fischarten und auch Wanderfische wie die Meerforellen. „Der Lachs ist sehr wählerisch. Er zeigt deutlich, was ihm gefällt und was nicht“, sagt Salva. So wird der Fischereiverein auch in Zukunft viel Arbeit und Geld investieren, um die Flüsse in Delmenhorst für Lachs und Co. weiter zu einem passenden Lebensraum zu gestalten, damit möglichst viele von ihnen zurückkehren. Dies kann übrigens im Gegensatz zu den pazifischen Lachsen, die in den meisten TV-Dokumentationen gezeigt werden, mehrfach passieren. Denn er verendet nach der Laichabgabe nicht. „Er hat die Chance, dass er einmal wiederkommt“, sagt Salva. „Auch wenn die Wahrscheinlichkeit nach der strapazenreichen Reise sehr gering ist.“


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