Delmenhorster Gästeführer Lokalpatrioten mit Startschwierigkeiten

1958 zugezogen, heute Stadtoriginale:Ortwin (78) und Ursula Zielke (75) alias Nachtwächter Jan Tut und Marktfrau Mett Siewers. Foto: Frederik Grabbe1958 zugezogen, heute Stadtoriginale:Ortwin (78) und Ursula Zielke (75) alias Nachtwächter Jan Tut und Marktfrau Mett Siewers. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. Wenn Ortwin und Ursula Zielke durch die Innenstadt gehen, sind sie nie um eine Anekdote verlegen. Ein Blick, eine Geschichte. Schließt man den Stadtarchivar einmal aus, gibt es wohl nur wenige, die den beiden Gästeführern in ihrem Wissen über die Stadt das Wasser reichen können.

An diesem Donnerstag sind die Zielkes mal wieder als ihre Figuren Mett Siewers und Jan Tut unterwegs. Wenn sie erzählen, verschwimmen die Identitäten. Hat Mett Siewers einmal an der Gartenstraße gewohnt? Oder Ursula Zielke? Schließlich sprechen sie und ihr Mann Ortwin in der Ich-Form. Aber dies tun Mett Siewers und Jan Tut ebenso. Irgendwann hat der Zuhörer den Bogen raus, spätestens dann erweisen sich die zwei als Quell für die Delmenhorster Heimatgeschichte.

Nachtwächter und Sich-Nie-Waschender

Im Jahr 2000 rutschte Ortwin Zielke eher zufällig in die Rolle als Nachtwächter Jan Tut und führt seitdem durch die Innenstadt, seine Frau Ursula folgte ihm 2008 als Marktfrau Mett Siewers. Dass das Ehepaar sich ausgerechnet diese Figuren ausgesucht hat, ist ebenso Zufall wie Ironie der Geschichte. So hätte es dem Nachtwächter Jan Tut (1846 bis 1931) laut Erzählungen wohl gefallen, mit der ebenjener Marktfrau anzubändeln. Diese verwehrte sich aber mit der Begründung: „Du stinkst!“. Denn Tut war nicht nur für sein Nachtwächterdasein bekannt, sondern auch dafür, dass er sich nie wusch. Als alter Mann soll er erst in ein Altenheim aufgenommen sein, nachdem er sich den jahrelang angesammelten Dreck von der Haut schrubbte.

Zwischen Begeisterung und Zorn

Ihr Wissen haben die beiden aus den Delmenhorster Schriften, von denen es in der Stadtbücherei 35 Stück gibt, wie sie sagen. „Kriegen wir ein altes Buch über Delmenhorst in die Finger, lesen wir es begeistert.“, sagt Ursula Zielke. Dabei hätte sie auch leicht Jana Mulfoot sein können. „Neben Mett Siewers gab es noch eine andere Marktfrau. Zu Markttagen kam sie zu Fuß aus Bürstel und wurde immer von Jugendlichen gehänselt, weil sie einen Hinkefuß hatte“, erzählt Ursula Zielke. „Irgendwann war sie so in Rage, dass sie den Rock gehoben und den Leuten ihr Hinterteil gezeigt hat. So jemand wollte ich nicht sein.“

Die Gefürchtete und der Schelm

Diese eher leichte Wahl pro Mett Siewers wurde auch dadurch ermutigt, dass Ortwin Zielke Mitbegründer der „Deutschen Gilde der Nachtwächter, Türmer und Figuren“ ist. Dass sich seine Frau eine eigene Figur suchen würde, war letztlich eine Frage der Zeit. Wahnsinnig viel ist laut Zielke aber nicht über Siewers bekannt. Selbst Recherchen in Oldenburger Archiven blieben erfolglos. „Siewers war gefürchtet“, kann Ursula Zielke erzählen, „vor allem, weil sie als frühere Marktmeisterin über alles Bescheid wusste.“ Während Ursula Zielke die Rolle als Marktfrau begeistert, findet ihr Mann Anklang am Charakter Jan Tuts: „Er war ein Schelm und hatte eine gewisse Bauernschläue – genau wie er“, spricht Ursula Zielke für ihren Mann.

Von Synagoge, Rathaus und Schietloopsgang

Und ihre Charakterzüge zeigen Siewers und Tut bei ihren Gängen auch. Hier erfahren Besucher etwa – und dies sind nur wenige Beispiele – warum die Markthalle nach 1920 mal den Beinamen Jordan-Zirkus trug, dass die frühere Synagoge im Haus der heutigen Buchhandlung Lesezeichen beheimatet war, was die Tierfiguren am Eingang des Rathauses auf sich haben oder dass die Bahnhofstraße einmal Schietloopsgang hieß, weil Fäkalien und Abwässer über einen Graben in die Delme flossen. Nebenbei garnieren die Zielkes ihre Führungen mit allerlei „Döntjes“, wie sie sagen: Lustige Geschichten, die nicht unbedingt historisch sein müssen. Nicht fehlen darf der Schnaps, der traditionell beim Standesamt ausgeschenkt wird, aus eigener Herstellung stammt und so stark ist, dass er eigentlich nur an Männer ausgeschenkt werden dürfte (Ursula Zielke). Für Minderjährige dagegen hat Marktfrau Siewers stets Schokolade in ihrem Korb. (Weiterlesen: dk-Themenportal „Hus un Heimat“)

Lokalpatriotin mit Startschwierigkeiten

Dass die Zielkes mal die Delmenhorster Stadtgeschichte nach außen tragen würden, war übrigens anfangs nicht absehbar. 1958 wurde der damalige Soldat Ortwin Zielke von der Bundeswehr nach Delmenhorst versetzt. Seiner Frau Ursula gefiel es damals in der Stadt an der Delme überhaupt nicht. „Ich war jung und hatte mächtig Heimweh“, sagt die frühere Cellerin heute. Das Heimatgefühl stellte sich erst mit dem Nachwuchs ein Jahr später ein. Heute repräsentiert Zielke mit ihrem Mann die Stadtgeschichte wie wenige andere.


Die nächste Stadtführung bieten Jan Tut und Mett Siewers am Mittwoch, 20. Juli an. Treffen ist um 18 Uhr am Ehrenmal vor der Markthalle, der Gang dauert 90 Minuten.Kosten: 5 pro Person, Kinder sind frei.

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