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Umfrage zu Britanniens EU-Austritt „England ist kaputt“: Delmenhorster Stimmen zum Brexit

Von Frederik Grabbe

„England ist am Boden“: Dies meint der Delmenhorster Schotte Robert Graham. Auch andere Briten und Wirtschaftsvertreter aus der Stadt beäugen den Brexit kritisch.  Foto: Michael Kappeler/dpa„England ist am Boden“: Dies meint der Delmenhorster Schotte Robert Graham. Auch andere Briten und Wirtschaftsvertreter aus der Stadt beäugen den Brexit kritisch. Foto: Michael Kappeler/dpa

Delmenhorst. Überraschung, Fassungslosigkeit, Unverständnis: Die Richtung der Emotionen auf den Brexit ist in Delmenhorst eindeutig. Den Austritt kann niemand der von dem dk Personen auf sachhaltiger Ebene nachvollziehen. Vielmehr hätten die EU-Gegner die Bevölkerung mit Emotionen manipuliert, ist der Tenor.

„Ich halte nichts von der Entscheidung meiner Landsleute“, positioniert sich der Brite Julian Thomas klar. Der 55-Jährige spielt unter anderem für den TC Blau-Weiß und lebt seit 35 Jahren in Deutschland. „Die Bevölkerung hat es nicht geschafft, über den Tellerrand zu blicken und das große Ganze aus den Augen verloren“, kommentiert er. Wirtschaftlich sei dies nicht gut, Arbeitsplätze werden in Britannien verloren gehen, ist sich Thomas sicher. „Alle Finanzexperten haben sich gegen den Brexit ausgesprochen. Ich kann den Entscheid nicht nachvollziehen“, sagt er. Sogar Sanktionen gegen das Vereinigte Königreich schließt er nicht aus. Thomas denkt an die Briten im EU-Ausland, die mit einem sinkenden Pfund nun möglicherweise in ihrer Pension beschnitten werden. „Das einzig Gute ist: Sinkt das Pfund, wird der Urlaub i n der Heimat billiger.“

„England ist kaputt“

Das sich Britannien in seiner jetzigen Form erhalten wird, daran glaubt Robert Graham vom Miniaturen-Atelier Graham & Graham nicht. „Die Engländer haben sich selbst großen Schaden zugefügt“, sagt der 65-Jährige in dem Selbstverständnis, Schotte zu sein. „In Schottland haben 62 Prozent der Bevölkerung für einen Verbleib in der EU gestimmt.“ Mit dem Votum hintergehe die britische Regierung den Willen der Schotten. „Darum wird sich Schottland in einem neuen Referendum von Britannien trennen“, ist sich Graham sicher, der seit 1969 in Deutschland und seit 20 Jahren in Delmenhorst lebt. Das Votum ist für ihn Zeichen einer englischen Elite, die den Kontakt zu Bevölkerung verloren hat. „England ist kaputt, England ist hin“, sagt er.

Angst vor Einwanderung

„Meine ganze Familie hat für den Austritt gestimmt, obwohl ich seit 16 Jahren in Deutschland lebe“, erzählt die Lehrerin am Willms-Gymnasium, Emily Anker, die mit ihrer Meinung Pro-Europa so ziemlich alleine da stand. Die 47-Jährige kenne daher Positionen der Brexit-Befürworter: „Demagogen wie Nigel Farage spielen mit den Emotionen der Menschen. Europa wird zur Lobby der Konzerne erklärt, die EU sieht man als schwarzes Loch für britisches Geld“, beschreibt Anker. „Am schwersten aber wiegt die Angst vor Einwanderung, die verbreitet wird.“ Nicht unschuldig an dieser Angst seien die britischen Boulevard-Medien. Für die Lehrerin selbst habe die EU nur Vorteile gehabt: „Ich bin verbeamtet worden, bevor ich den deutschen Pass erhalten habe.“ Immerhin: Der Brexit bedeutet für sie, dass sie für den Unterricht nach den Ferien jede Menge spannenden Stoff hat.

„Brexit wird uns nicht umwerfen“

Einen Einbruch der Wirtschaft, wie er vorausgesehen wird , sieht Brahim Stitou, Managing Director des Kran- und Baggerbauers Atlas, nicht. Das Unternehmen hat eine Tochterfirma im nordenglischen Bradford mit 100 Mitarbeitern. „Kurzfristig sehe ich keine negativen Einflüsse. Aber die bürokratischen Hürden werden zunehmen und Zölle werden fällig“, so Stitou. „Generell kann ich sagen, wir exportieren in 65 Länder, haben mit Embargos und Sanktionen zu tun. Der Brexit wird uns nicht umwerfen.“

Export wird erschwert

Das sieht Gert Stuke, Präsident der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer (IHK) anders. Er erkennt im Brexit eine „Zäsur in ihren Handelsbeziehungen mit dem Inselstaat“. Regionale Unternehmen werden ihr langfristiges Engagement in Britannien jetzt neu bewerten. Die Abwertung des Pfunds erschwere den Export deutscher Produkte.