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Flüchtlinge im Arbeitsmarkt Interview: „Stehen vor großer Herausforderung“

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Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist robust und kann die Integration von Flüchtlingen verkraften – davon ist die Geschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit, Karin Kayser, überzeugt. Foto: GrabbeDer Arbeitsmarkt in Deutschland ist robust und kann die Integration von Flüchtlingen verkraften – davon ist die Geschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit, Karin Kayser, überzeugt. Foto: Grabbe

Delmenhorst. Zuletzt lebten insgesamt 1300 Flüchtlinge in Delmenhorst. Aber wie werden diese in den hiesigen Arbeitsmarkt integriert? Mit dem dk spricht die Delmenhorster Geschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit, Karin Kayser, über die Anerkennung von Berufsabschlüssen, die Dauer von Integration und über die Fachkräfte von übermorgen.

Frage: Frau Kayser, es sind ja viele Hoffnungen in die Flüchtlinge für den hiesigen Arbeitsmarkt gesetzt worden. Sind diese Menschen jetzt schon angekommen?

Karin Kayser: Flüchtlinge beschäftigen uns sehr. Zunächst aber muss ich unsere Zuständigkeit eingrenzen: Wir betreuen Asylbewerber mit einer Aufenthaltsgestattung und geduldete Asylbewerber, die also nicht abgeschoben werden. Ist ein Asylantrag positiv beschieden worden, ist das Jobcenter zuständig.

Und was heißt das für Ihre Zahlen?

Derzeit sind 301 Personen aus den acht wichtigsten Zugangsländern Syrien, Iran, Irak, Eritrea, Somalia, Pakistan, Nigeria und Afghanistan arbeitslos gemeldet. Darunter sind auch Personen, die seit Langem in Delmenhorst leben. 306 Weitere sind nichtarbeitslose Arbeitsuchende, sie haben zum Beispiel eine Beschäftigung, suchen aber eine neue Stelle oder besuchen eine Maßnahme der Agentur oder des Jobcenters. Die Statistik unterscheidet nur Nationalitäten, sagt aber nichts darüber aus, wann eine Person nach Deutschland gekommen ist. Ab Sommer wird die Auswertung besser, dann sind differenziertere Angaben möglich.

Was hat die Agentur vor Ort denn getan, um auf Flüchtlinge besser einzugehen?

Zum einen haben wir uns personell vorbereitet, es wurden zwei Arbeitsvermittler in Vollzeit eingestellt, und zum anderen haben wir zusätzliche Mittel zur Verfügung, auch für Delmenhorst. Die Mittel sind auskömmlich, um alle Kundinnen und Kunden, Einheimische wie Geflüchtete, zu fördern, die eine Förderung brauchen.

Zuletzt haben Sie gesagt, dass 80 Prozent der Flüchtlinge keinen formalen Abschluss mitbringen. Können Sie dies erläutern?

Ihre Abschlüsse entsprechen häufig nicht dem, was deutsche Arbeitgeber gewohnt sind. Deutschland ist jedoch sehr zertifikatsorientiert. Aber: Flüchtlinge bringen Talente und Kompetenzen mit. Dies sind Schätze, die es zu verwerten gilt. Die Schwierigkeit ist, diese Kompetenzen in unserem Referenzsystem zu verorten.

Wie werden diese denn erfasst?

Hierzu gibt es verschiedene Projekte bei der Agentur, bei denen die Geflüchteten in der Praxis zeigen können, welche Arbeitstechniken sie erlernt haben, zum Beispiel im Friseur- oder im Tischlerhandwerk. Und es gibt das bundesweite IQ-Netzwerk. Dort sind die Bildungssysteme im Herkunftsland erfasst und es kann einschätzt werden, wie es um die fachlichen Qualifikationen der Menschen steht, die es durchlaufen haben.

Woher erhält man diese Informationen aus einem von Bürgerkrieg zerfressenen Land wie Eritrea oder Syrien?

Das IQ-Netzwerk sammelt Daten über die Inhalte von Ausbildungsgängen in Schulen, Fachschulen und Universitäten weltweit und ist gut aufgestellt.

Wie ist die Integration in den Arbeitsmarkt zu verbessern, sieht man von der sprachlichen Seite einmal ab.

Die Sprache ist die Kernkompetenz, die es zu erlernen gilt. Im Moment erfüllen zwei bis fünf Prozent der Flüchtlinge die Sprachanforderungen, um in Deutschland auch zu arbeiten, ein kleiner Prozentsatz. Sprache bleibt darum der Schlüssel zu Arbeit und Integration. Unsere Kurse für Geflüchtete kombinieren deshalb Praxisanteile und Sprachunterricht, insbesondere berufsbezogene Sprachvermittlung. Außerdem schauen wir, welche Fähigkeiten und Berufserfahrungen die Menschen jenseits von formalen Qualifikationen mitbringen. Darauf aufbauend wollen wir sie weiter qualifizieren.

Das hört sich nach einem langen Weg an.

Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Flüchtlinge nach einem Jahr in Arbeit integriert sind, 50 Prozent nach fünf Jahren und 70 Prozent nach 15 Jahren. Sprache ist ein wichtiger Teil eines Gesamtpakets, das zudem berufliche Qualifikationen und bestimmte Werte wie Pünktlichkeit oder die Anerkennung der Gleichberechtigung von Mann und Frau umfasst. Dies wird zum Beispiel in Integrationskursen vermittelt. Wir stehen vor großen Herausforderungen. Da dürfen wir uns nichts vormachen.

In welche Bereiche werden Flüchtlinge derzeit vermittelt?

Aktuell sind es in erster Linie Helferjobs. Hier hilft die Agentur etwa mit Unterstützungen für Arbeitgeber, die einen Flüchtling beschäftigen, ähnlich wie zum Beispiel bei einem Eingliederungszuschuss für einen Langzeitarbeitslosen.

Sind jüngere Flüchtlinge leichter zu vermitteln? Etwa in Ausbildungen?

In der Regel lernen sie schneller und haben eine höhere Integrationsbereitschaft. Auch hier gibt es verschiedene Projekte wie „Perspektiven für junge Flüchtlinge“. Es vermittelt zum Beispiel über ein halbes Jahr berufliche Kenntnisse und Erfahrungen, um die Berufsorientierung zu erleichtern. Bald starten auch sogenannte Kombi-Kurse, die sich auf sprachliche und berufliche Kenntnisse beziehen. Wichtig ist hier, dass zum Beispiel geduldete Flüchtlinge, die eine Ausbildung absolvieren, hiernach aufgrund des neuen Integrationsgesetzes zwei Jahre lang in Deutschland leben und arbeiten dürfen. Das gibt Arbeitgebern mehr Sicherheit, denn ein unsicherer Aufenthaltsstatus ist ein Hemmnis für die Einstellung eines Mitarbeiters. Aber auch hier braucht es Zeit: Zuletzt waren 162 Ausbildungsstellen unbesetzt. Diese können derzeit nur bedingt durch Flüchtlinge besetzt werden, weil den meisten Sprachkenntnisse auf dem erforderlichen Niveau fehlen. Wir rechnen mit rund fünf Jahren ab ihrer Ankunft, bis sie über eine Ausbildung schlussendlich in den Arbeitsmarkt integriert sind.

Und doch sprechen Sie von Schätzen, die es zu verwerten gilt?

Ja. Sehen, sie: Es gibt 43 Millionen Erwerbstätige in Deutschland. Auch in Delmenhorst ist die Beschäftigung zuletzt gestiegen. Die Prognosen für das Wirtschaftswachstum sind positiv – insgesamt kann unser Arbeitsmarkt den Zustrom an Flüchtlingen also verkraften. Aber sie sind nicht die Fachkräfte von morgen. Sie sind die Fachkräfte von übermorgen. Die Investition in den Einzelnen wird sich auszahlen. Davon bin ich fest überzeugt.


Karin Kayser (52) ist seit Mitte 2009 Geschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit in Delmenhorst, seit Mai 2013 leitet die Oldenburgerin auch die Geschäftsstelle in Wildeshausen. Insgesamt führt sie in den beiden Städten 48 Mitarbeiter.

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