Frauenklinik Delmenhorst Geburtshilfe-Team bereitet sich auf Notfälle vor

Von Marco Julius


Delmenhorst. Bei einem ganztägigen Notfalltraining haben Ärzte und Hebammen der Frauenklinik jetzt für Notfälle bei Entbindungen geübt. Lebensechte Puppen wie die SimMom halfen dabei.

Wer als Pilot ein Flugzeug fliegen will, der muss zunächst am Simulator üben. Auch Feuerwehren üben immer wieder Rettungseinsätze. Eine sinnvolle Einrichtung sei das, sagt Patricia Gruber, Hebamme und unabhängige Sachverständige im Hebammenwesen. „In der Medizin hat man das Üben am Simulator lange vernachlässigt, man durfte gleich auf lebende Menschen los.“ Das Geburtshilfe-Team der Frauenklinik im JHD Deichhorst hat am Dienstag einen ganzen Tag lang Gelegenheit gehabt, an lebensechten Puppen und Modellen der Firma Laerdal Medical GmbH aus Puchheim Geburten und vor allem den Umgang mit Komplikationen zu üben.

Beim Üben sind Fehler kein Problem

Patricia Gruber und ihre Kollegin Dr. Christiane Schwarz, ebenfalls Hebamme und zudem Wissenschaftlerin, arbeiten mit Laerdal zusammen. „In der Simulation darf man Fehler machen. Fehler, aus denen die Hebammen und Ärzte für die echten Geburten lernen“, sagt Gruber.

An einem Modell etwa wird gemessen, mit welcher Kraft das Neugeborene von der Hebamme gezogen wird. „Wie sanft ist sanft?“, fragt Gruber. Der Computer gibt Auskunft darüber. „Das Genick des Babys ist besonders empfindsam. Zu starkes Ziehen ist gefährlich“, weiß die Expertin. Sie selbst hat in 30 Jahren als Hebamme bei rund 900 Geburten geholfen. „Ich bin ein Fruchtwasser-Junkie“, sagt sie, „ich liebe den Geruch einfach. Es gibt nichts Schöneres als eine geglückte Geburt.“ Ihre ganze Erfahrung gibt sie gerne weiter. Das Notfalltraining sei dabei auch für Hebammen und Ärzte mit reichlich Berufserfahrung noch hilfreich. „Wer glaubt, in der Medizin alles erlebt und gesehen zu haben, der liegt immer falsch“, sagt Gruber. Gemeinsam mit ihrer Kollegein ist sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs, um Seminare zu geben und Notfalltrainings anzubieten. Ihre Erfahrung: Hebammen und Ärzte nehmen diese Hilfe gerne an.

Aha-Effekt hilft

An der sogenannten SimMom (Simulations-Mutter), einem Ganzkörper-Geburtssimulator, zeigt Gruber, wie man etwa bei einer Schulterdystokie vorgeht. Ein Notfall, in dem schnelles Eingreifen unabdingbar ist. Bei der Schulterdystokie bleibt nach der Geburt des Kopfes die Schulter des Kindes im Becken der Mutter hängen, wodurch es zum Geburtsstillstand kommt. Da zählt jede Sekunde. „In der Simulation erleben wir dann immer wieder den Aha-Effekt, der auf das wirkliche Leben vorbereitet.“

Wichtig sei im Notfall vor allem die Kommunikation. „Reden, reden, reden“, empfiehlt Gruber. Und zwar mit der werdenden Mutter und mit den an der Geburt beteiligten Kollegen. „Üben Sie das immer wieder“, betont auch Grubers Kollegin Schwarz. Auch das wird an den Modellen geübt, präzise Angaben, die die Geburt erleichtern helfen.

Kunstblut bringt Adrenalin in die Übung

Die Puppen und Moddelle sind so lebensnah, dass sie sogar bluten können. „Blutungen sind Horrorszenarien für Geburtshelfer“, weiß Gruber. „Das Kunstblut bringt richtig Adrenalin in die Übung.“ Warum blutet es? Wie kann man die Blutung stillen? Welche Medikamente sind eventuell erforderlich? Diese und andere Fragen müssen die Hebammen und Ärzte schnellstmöglich beantworten. In der Übung und in der Praxis. Jeder Handgriff sollte sitzen. Damit das klappt, werden die Übungen gefilmt. Ein Team spielt das Notfallszenario durch, die Kollegen schauen im Nebenraum über die Leinwand zu und analysieren das Vorgehen bei der Entbindung. Im Nachgang kann anhand des Filmmaterials den Teilnehmern besser gezeigt werden, wo es im Umgang mit Notfallsituationen noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt.

Training einmal im Jahr

Für Dr. Katharina Lüdemann, Chefärztin der Frauenklinik am JHD Deichhorst, ist das Notfalltraining mit externen Experten doppelt bedeutsam: „Das Training erhöht die Sicherheit bei Notfällen und es stärkt das Miteinander im Team.“ Einmal im Jahr ist ein solches Training angesetzt, damit auch schwere Geburten in der Frauenklinik am Ende leicht wie ein Flug von der Hand gehen.