Literarischer Spaziergang durch die Graft Das Delmenhorster Rathaus, die „Mördergrube“


Delmenhorst. Derbes Geschimpfe, große Literatur – und ein Lachkrampf. Bei einem literarischen Spaziergang durch Delmenhorst wurde das Werk William Shakespeares neu belebt. Und es war genial.

Alles andere als theaterkonform, so könnte man den literarischen Spaziergang mit Johannes Mitternacht und Anne Pophanken am Freitag nennen. Denn wie die Delmenhorster Schauspieler Werke Shakespeares rezitierten, widersprach so ziemlich allem, was klassischerweise auf der Bühne geboten wird.

Shakespeares Werk vom Klettergerüst aus

Es hat schon was Komisches, wenn Mitternacht sich mit all seiner – man darf es wohl so sagen – Körperfülle, mit epochengerechter rosa Weste, brauner Kniehose und gekrönt von einem bestickten Hut, das Klettergerüst vor dem Markt 1 hinaufschiebt und Anne Pophanken dabei, mit einem Zweig Efeu im Haar, grünen Augenbrauen und hochgekringelten, grünen Gauklerschuhen, voller Eifer auf einem Tretroller im Kreis um ihn herumdüst. Die 90 Literaturfreunde, die mit ihnen spazierten und die in der veranstaltenden Buchhandlung Jünemann Tage zuvor Karten gekauft hatten, wussten ja, dass heute am Freitagabend irgendetwas passiert. Eine Besucherin des Tutti-Frutti trifft diese Szene aber vollkommen unvorbereitet – und verfällt in einen Lachkrampf.

„Kommen nicht, um Euch zu ergötzen“ – und genau das passiert

Dabei erklärt Mitternacht vorweg in einer seiner zahlreichen Rollen noch: „Wir kommen nicht, um Euch zu ergötzen“ – und doch wird beste Unterhaltung geboten. Auf eine geschlossene Handlung braucht der Spaziergänger an diesem Abend nicht zu hoffen. Der Stoff, den Mitternacht und Pophanken bieten, ist zusammengeflickt aus verschiedensten Stücken, Akten und Auszügen aus Shakespeares Werken. Das Prinzip: Mitternacht spielt solange, bis Pophanken als Waldgeist ihn mit einem grünen Fächer abwatscht und wechselt die Rolle. Mal ist Pophanken Waldgeist, mal Gegenpart. Gespielt wird in Stationen, die Route führt vom Klettergerüst auf dem Marktplatz zum Brunnen, zu den Delmeterassen und in die Graft. Und so purzeln beide gewisserweise durch Shakespeares Gesamtwerk. Es geht zu „Ein Sommernachtstraum“, „Die lustigen Weiber von Windsor“, zu „Heinrich V.“, zu „Macbeth“ oder „König Lear“. Während Pophanken nach jeder Station wie ein Hirtenhund auf ihrem Roller rufend und mit aufgerissenen Augen die Spaziergänger zur nächsten Station treibt, führt Mitternacht wie ein Tourist einen Rollkoffer mit sich, in dem die wichtigsten Utensilien für beider Spiel untergebracht sind. (Weiterlesen: Mitternacht prägt kulturelles Leben in Delmenhorst)

Das Rathaus, die Mördergrube

Kleidung zum Beispiel, oder einen Besen. Den brauchen sie spätestens auf der Burginsel, als sie im Duo laut kreischend die drei Hexen aus „Macbeth“ mimen. Komische Momente wie auf dem Klettergerüst, wo die Kinderrutsche als Trompete zweckentfremdet wird, gibt es zuhauf – und sind oft mit allerlei Anspielungen bedacht: Als Pophanken jauchzend und voller Bewunderung sich einem schönen „Schloss“ nähert – und damit das Rathaus meint – warnt sie Mitternacht voller Entsetzen: „Geh, eil aus dieser Mördergrube fort. Der Feind haust unter diesem Dach.“ Aber auch zeitgenössische Bezüge flechten beide ein. „Lass mich einen Tyrannen spielen“, fordert eine von Mitternachts Rollen, und schlägt vor: „Erdogan von Konstantinopel!“ (Weiterlesen: Tucholsky-Texte werden in Delmenhorst lebendig)

Die schönsten Beleidigungen wirken erst in der Graft

Am charmantesten wirkt das Spiel der beiden aber in der Natur der Graft – auch, wenn sie hier mitunter besonders laute Töne anschlagen. Hier greift das Duo tief in die Kiste der Shakespear’schen Beleidigungen, und brüllt sich etwa über den äußeren Graftring hinweg wutentbrannt an. Gezielt gesetzte Aphorismen runden das zusammengeflickte Spiel ab. „Die Lebenszeit ist zu kurz“, so Mitternacht bei einer Diskussion mit Puck. „Warum die Kürze mit Länge würzen?“ Sagt‘s, und zieht ab – und mit ihm die 90 Spaziergänger.

Der nächste literarische Graftspaziergang findet statt am Freitag, 3. Juni. Start ist um 20 Uhr vor der Buchhandlung Jünemann. Karten unter (0 42 21) 8 50 71 77.


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