„Generation Beziehungsunfähig“ Michael Nast begeistert Frauen in Delmenhorst

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Charmant und mit direktem Draht zum Publikum: Michael Nast hat am Sonntag aus seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ gelesen. Foto: Andreas NistlerCharmant und mit direktem Draht zum Publikum: Michael Nast hat am Sonntag aus seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ gelesen. Foto: Andreas Nistler

Delmenhorst. Vor ausverkauftem Haus hat Bestseller-Autor Michael Nast am Sonntagabend im Kleinen Haus aus seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ und weiteren Texten gelesen. Der Abend war höchst amüsant - und zu kurz.

Wer als regelmäßiger Besucher des Kleinen Hauses am Sonntagabend in den Saal kam, rieb sich verwundert die Augen: So einen Publikumsmix hat man hier wahrscheinlich noch nie gesehen. Der Saal ist komplett gefüllt, einige Besucher müssen auf den Rang ausweichen, weil sie im Parkett keinen freien Sitz mehr finden. Soweit nichts Ungewöhnliches. Doch sofort fällt auf: Frauen. Überall Frauen. Mehr als drei Viertel des Publikums besteht aus Frauen. Vor allem jungen Frauen. Nur vereinzelt blitzt ein Männerkopf hervor. Und so weht an diesem Abend – im wahrsten Sinne des Wortes – ein anderer Duft durch das Delmenhorster Theater.

„Das hier ist mein Abend“

Die Zielgruppe von Michael Nast ist also klar. Er schreibt über das Leben eines jungen Mannes zwischen 25 und 40 und erreicht damit vor allem die Frauen dieser Altersgruppe. Das wird neben dem Publikum auch daran deutlich, dass er seine Kolumnen mittlerweile im Frauenmagazin „Freundin“ veröffentlicht. Ein solcher Text bildet auch den Auftakt in den kurzweiligen Abend. „Tinder für Hässliche“ ist die Überschrift des Textes, die, so erzählt Nast, die einzige Überschrift war, die die „Freundin“-Redaktion so nicht abdrucken wollte. „Aber das hier ist mein Abend, deshalb hat der Text hier die Originalüberschrift“, sagt Nast, der den ganzen Abend über charmant spricht und sich inszeniert, immer mit leichtem Hang zur Berliner Schnauze. Dem Großteil des Publikums scheint diese Mischung zu gefallen.

Die „Neue Unverbindlichkeit“ entdeckt

Im ersten Text spricht der Autor über Dating-Apps wie Tinder und den Vergleich zum Konsum von Waren. So, wie Nasts Freundinnen im Webshop von H&M Klamotten einkaufen, konsumiert sein Kumpel Menschen über Dating-Apps. Unsere Generation habe eine neue Unverbindlichkeit für sich entdeckt, erzählt Nast. Ganz nach dem Motto „Alles kann, nichts muss.“ Doch ist das nicht zwangsläufig gut. „Wer jedem Reiz nachgehen muss, gerät in eine Abhängigkeit.“ Ist es das, was diese Generation will?

Ein Leben, wie ein Katalogentwurf

In einem weiteren Text wird nun deutlich, worum es Nast beim Schreiben geht. Denn es ist der titelgebende Text für den Bestseller. Warum sind die heute 30-Jährigen beziehunsgunfähig? Die Antwort ist schnell geliefert: Weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Es gehe nicht mehr darum, Arbeit und Privatleben voneinander zu trennen und in beidem Erfüllung zu finden. Job und Privates verschmelzen mehr und mehr. Beruf muss heute Berufung sein und nur wer viel arbeitet, ist auch erfolgreich. Da bleibt nur Platz für Egoismus, nicht für eine gute Partnerschaft. „Als wäre unser Leben ein Katalogentwurf, den wir unbedingt erfüllen müssen“, fasst Nast die Situation zusammen. Dabei wäre eine ehrliche Beziehung gut, um sich positiv zu entwickeln und zu reifen. „Dein Partner ist dein Spiegel. Du lernst dich selbst von einer anderen Perspektive kennen.“ Nast beendet den Text mit einem Satz, den sich jeder zu Herzen nehmen sollte: „Wer sich nur auf sich selbst beschränkt, der verpasst alles andere.“

Großes Identifikationspotenzial

Nast bringt Texte auf die Bühne, in denen sich fast jeder wiederfindet: Ausreden erfinden, um nicht ins Fitnessstudio gehen zu müssen, unterschiedliches Hygienebewusstsein im Zusammenleben mit der Partnerin oder kuriose Wortwechsel auf Geburtstagsfeiern zwischen zwei Menschen nicht deckungsgleicher Freundeskreise. Aber auch Ausflüge in die Politik sind dem Autoren nicht fremd: „In diesem Discounter-Land mit einer Discounter-Mentalität wird es Zeit, dass sich etwas bewegt.“

Abend zu schnell vorbei

Nast bringt sein Publikum – auch die paar Männer – zum Lachen, einige Besucherinnen gar zum Kreischen. Manch eine hat zwischenzeitlich Schwierigkeiten, sich wieder zu fangen. Und doch löst Michael Nast allgemeine Verwunderung aus, als er nach gerade einmal 70 Minuten seinen letzten Text des Abends ankündigt. Der Autor würde gut daran tun, seine Lesungen in Zukunft anders zu konzipieren und schlicht zu verlängern. Nach 90 Minuten ist an diesem Sonntag nämlich Feierabend im Kleinen Haus. Es hätte gern noch länger dauern dürfen. Denn was Michael Nast macht und wie er es macht, ist gut. Und das Publikum war um 21.30 Uhr noch lange nicht müde.


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