Weitere Verdachtsfälle Todespfleger Niels H.: Zahl möglicher Opfer steigt auf 24

Der wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs an Patienten angeklagte, ehemalige Krankenpfleger Niels H. im Gerichtssaal des Landgerichtes in Oldenburg. Foto: dpaDer wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs an Patienten angeklagte, ehemalige Krankenpfleger Niels H. im Gerichtssaal des Landgerichtes in Oldenburg. Foto: dpa

Delmenhorst/Oldenburg. Die Sonderkommission „Kardio“ und die Staatsanwaltschaft Oldenburg haben an diesem Mittwoch einen neuen Zwischenstand im Ermittlungsverfahren um den Delmenhorster Todespfleger Niels H. bekannt gegeben. Es wurden weitere mögliche Opfer des Pflegers gefunden.

Im Zuge der Ermittlungen wurden bislang mehr als 80 Gräber geöffnet, um die sterblichen Überreste ehemaliger Patienten auf den Medikamentenwirkstoff Ajmalin zu untersuchen. Mittlerweile liegen die Ergebnisse von 77 Exhumierungen vor, wie Staatsanwaltschaft Oldenburg und die Polizei mitteilen.

Wirkstoff in 24 Fällen nachgewiesen

Demnach konnten bei den toxikologischen Untersuchungen in insgesamt 24 Fällen Überreste des Herzmedikaments Gilurytmal nachgewiesen werden, obwohl die Patienten nicht mit dem Medikament behandelt wurden. Die Angehörigen der Verstorbenen wurden bereits über die Ergebnisse der Untersuchungen informiert.

Zuletzt hatten die Ermittler im Januar bekannt gegeben, dass es sieben weitere Verdachtsfälle gibt . Damals war die Zahl der möglichen Opfer auf 21 gestiegen.
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Exhumierungen Ende Mai abgeschlossen

Staatsanwaltschaft und Polizei teilen mit, dass die medizinische Begutachtung von Krankenakten aus dem Klinikum Delmenhorst abgeschlossen sei. Die sich daraus ergebenden weiteren Exhumierungen sollen bis Ende Mai abgeschlossen sein. Die Ergebnisse werden voraussichtlich Mitte Juni vorliegen. Die Sonderkommission und die Staatsanwaltschaft planen, die Öffentlichkeit im Anschluss detailliert über die Ergebnisse zu informieren.
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Rund 90 Taten zugegeben

Niels H. wurde am 26. Februar 2015 vom Landgericht Oldenburg wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt . In dem Prozess gab er zu, für rund 90 Taten mit bis zu 30 Todesopfern verantwortlich zu sein. Er hatte Patienten das Medikament Gilurytmal (Wirkstoff: Ajmalin) gespritzt, um bei ihnen Herz-Rhythmus-Störungen auszulösen und sich im Anschluss bei der Reanimation beweisen zu können.
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Die wichtigsten Stationen im Fall Niels H.

1999-2002: Der Pfleger beginnt am Klinikum Oldenburg. Auf zwei Stationen ist er auffällig oft bei Wiederbelebungen dabei. Die Polizei untersucht dort zurzeit den Tod von mehr als 20 Patienten.

2003-2005: Der Angeklagte arbeitet als Pfleger auf der Intensivstation am Klinikum Delmenhorst. Die Todesrate in der Abteilung verdoppelt sich in dem Zeitraum beinahe. Die Ermittler gehen dort aktuell 163 Fällen nach. Außerdem fährt der Pfleger in seiner Freizeit für die Rettungssanitäter im Kreis Oldenburg.

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat. Die Polizei ermittelt.

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt ihn wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

Januar bis Juli 2008: Der Mann arbeitet als Pfleger in einem Altenheim in Wilhelmshaven. Von März bis Oktober fährt er außerdem als Rettungssanitäter für das Deutsche Rote Kreuz in Wilhelmshaven.

Juni 2008: Das Landgericht verurteilt den Mann im Revisionsprozess zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs. Im Dezember wird das Urteil rechtskräftig. Das Berufsverbot tritt in Kraft.

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann. Diesmal wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Der Prozess beginnt im September.

26. November: Es wird bekannt, dass gegen zwei frühere Staatsanwälte wegen des Verdachts der Strafvereitlung im Amt ermittelt wird.

Januar 2015: Der psychiatrische Gutachter verliest eine Erklärung des Angeklagten. Darin gesteht er 90 Taten am Klinikum Delmenhorst. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.

26. Februar 2015: Die Verteidigung hält ihr Plädoyer auf Totschlag. Die Richter verkünden das Urteil: Lebenslange Freiheitsstrafe, besondere Schwere der Schuld, lebenslanges Berufsverbot.

9. März 2015: Das Urteil im Mordprozess ist rechtskräftig.

12. März 2015: Die Exhumierungen möglicher Mordopfer beginnen an der Urneburger Straße in Ganderkesee. Der Wirkstoff Ajmalin wird bei zwei Leichen nachgewiesen.

20. April 2015: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück klagt einen Ex-Oberstaatsanwalt aus Oldenburg an, Ermittlungen gegen Niels H. verschleppt zu haben.

15. Juli 2015: Nach weiteren Exhumierungen in Delmenhorst gibt es Hinweise auf weitere mögliche Opfer von Niels H. Insgesamt erhöht sich die Anzahl der Ajmalin-Nachweise auf 10. Bei 19 untersuchten Leichen konnten keine Spuren nachgewiesen werden.

4. September 2015: Angehörige von Mordopfern des Pflegers erhalten erstmals Entschädigungszahlungen. Eine Familie bekommt 30.000 Euro.

8. Oktober 2015: Die Exhumierungen auf zwei weiteren Friedhöfen in Delmenhorst sind abgeschlossen. Der Wirkstoff Ajmalin wurde bei vier weiteren Leichen nachgewiesen.

13. Januar 2016: Die Exhumierungen auf Friedhöfen in Stuhr und Bookholzberg sind abgeschlossen. Bei fünf weiteren Toten wird der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen – Insgesamt steigt die Zahl der Ajmalin-Nachweise auf 21 an.

13. April 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei legen die Ergebnisse von insgesamt 77 Exhumierungen vor. In 24 Fällen wurde der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen, obwohl die Patienten nicht mit dem Medikament Gilurytmal behandelt wurden.

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