Folge der Übergriffe in Köln Nachfrage nach Pfefferspray steigt in Delmenhorst

Eigentlich nur als Tierabwehrspray zugelassen: Delmenhorster Verkäufer vermelden eine erhöhte Pfefferspray-Nachfrage. Foto: dpa/Boris RoesslerEigentlich nur als Tierabwehrspray zugelassen: Delmenhorster Verkäufer vermelden eine erhöhte Pfefferspray-Nachfrage. Foto: dpa/Boris Roessler

Delmenhorst/Ganderkesee. Nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten steigt auch in Delmenhorst die Nachfrage nach Mitteln zur Selbstverteidigung. Beim Pfefferspray sei der Umsatz mittlerweile doppelt so hoch, verraten Händler.

„Bei vielen Menschen kann man eine Verunsicherung feststellen. Teilweise scheinen die Leute überfordert zu sein. Ich werde jedenfalls immer häufiger auf Mittel zur Selbstverteidigung angesprochen“, erklärt Peter Kretzner, gelernter Büchsenmacher und Waffenhändler in Ganderkesee. Allerdings stellt er klar, dass er keine Ängste schüren möchte: „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir nicht alles pauschalisieren. Man sollte den Fehler vermeiden, Dinge sehen zu wollen, die es gar nicht gibt. Überreagieren bringt an dieser Stelle nichts“, mahnt Kretzner.

Nachfrage nach Pfefferspray doppelt so hoch

Nichtsdestotrotz gibt er zu, dass sich die Nachfrage nach Pfefferspray deutlich erhöht habe. „Der Umsatz hat sich mindestens verdoppelt. Zum Teil hatte ich sogar Schwierigkeiten, Nachschub zu bekommen, da die Lieferanten Engpässe hatten“, so Kretzner. Resul Sahin, Inhaber vom Delmenhorster Geschäft Sahintec stimmt den Angaben von Kretzner zu. „Wir haben Pfefferspray schon lange in unserem Sortiment. Zuletzt steigerte sich die Nachfrage enorm und wir verkaufen doppelt so viel davon“, schildert der Geschäftsinhaber. Auch Ingo Meinhard, Geschäftsführer vom Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler, bestätigt im Gespräch mit unserer Redaktion die erhöhte Pfefferspray-Nachfrage: „Köln hat verursacht, dass noch mehr Menschen in den Fachhandel kommen.“ (Weiterlesen: Pfefferspray und Co. nach Vorfällen in Köln stark gefragt)

Aufklärungsarbeit wichtig

Die Entwicklung des Pfefferspray-Verkaufs bereitet Meinhard aber auch Sorgen. Dadurch dass Pfefferspray mittlerweile auch in Apotheken und Internet erhältlich sei, zweifelt der Verbandsgeschäftsführer an, dass Kunden ausreichend über Risiken und gesetzliche Vorschriften aufgeklärt würden. Per Gesetz ist Pfefferspray nur als Mittel zur Abwehr gegen aggressive Tiere zugelassen. Bei fehlerhaftem Einsatz können beim Menschen Verletzungen bis hin zur Erblindung hervorgerufen werden. Die Anwendung von Pfefferspray gegen einen Menschen erfüllt zudem grundsätzlich einen Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung. Nur wenn ein Rechtfertigungsgrund wie Notwehr vorliegt, entfällt die Strafbarkeit. (Weiterlesen: Schwere Entzündungen mit Sehverlust durch Pfefferspray möglich)

Strobo-Taschenlampen und Schrillalarme ebenfalls gefragt

Laut Meinhard sei auch die Nachfrage nach Schrillalarmen und Strobo-Taschenlampen gestiegen. Bei Strobo-Taschenlampen handele es sich um handliche, nur etwa zehn Zentimeter große Taschenlampen, die über einen Stroboskop-Modus verfügen, der einen Angreifer blende und so orientierungslos machen könne, während Schrillalarme mit einer Lautstärke von 110 Dezibel den Angreifer irritieren und die Umgebung aufmerksam machen können. (Weiterlesen: Waffenhändler verdoppeln Umsätze nach Terror in Paris)

Selbstverteidigungskurse stehen hoch im Kurs

Delmenhorster Sportvereine erleben indes erhöhte Nachfragen bezüglich Selbstverteidigungskursen. „Es sind einige Frauen mit konkreten Anfragen nach dem Angebot an Selbstverteidigungskursen für Frauen an uns herangetreten. Wir haben speziell für Frauen-Selbstverteidigung ausgebildete Trainer in unseren Reihen und werden deshalb zeitnah, vermutlich noch im Januar, einen Kurs anbieten“, teilt Frank Hörschgen, Ju-Jutsu-Abteilungsleiter des Delmenhorster Turnerbundes, mit. Auch Reiner Sonntag, Leiter der Ju-Jutsu-Abteilung im Delmenhorster Turnverein vermerkt einen regen Zulauf. „Es scheint so, als wenn die Berichterstattung Menschen dazu führt, sich näher mit dem Thema Selbstverteidigung zu beschäftigen. Direkt am ersten Trainingstag im neuen Jahr gab es zielgerichtete Anfragen von Frauen an unseren Verein, wie man sich möglichst gut selbstverteidigen könne“, berichtet Sonntag. Gleichzeitig möchte Sonntag keine falschen Versprechen geben: „Das Vorgaukeln einer falschen Sicherheit ist gefährlich. Nur, weil man einen Selbstverteidigungskurs besucht hat, ist man nicht automatisch geschützt. Man ist nicht frei vor Attacken. Gerade solche Mob-Angriffe wie in Köln, bei denen man von allen Seiten attackiert wird, sind nahezu unmöglich zu verteidigen. Grundsätzlich ist es natürlich immer eine gute Idee, sich mit Fragen zur eigenen Sicherheit und Unversehrtheit zu beschäftigen – nicht nur, wenn eine Berichterstattung über aktuelle Ereignisse erfolgt. Allerdings ist es eine völlige Fehlinformation, wenn von Anbietern verschiedener Selbstverteidigungskurse suggeriert wird, dass man in irgendeinem Crashkurs die totale Sicherheit erlernt.“


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