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Ajmalin in 21 Fällen nachgewiesen Weitere mögliche Opfer von Todespfleger Niels H. gefunden

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. wurde wegen mehrfachen Mordes im Februar 2015 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Foto: dpaDer ehemalige Krankenpfleger Niels H. wurde wegen mehrfachen Mordes im Februar 2015 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Foto: dpa

Oldenburg/Delmenhorst/Ganderkesee/Stuhr. Bei Exhumierungen auf Friedhöfen in Stuhr und Bookholzberg hat die Polizei weitere mögliche Opfer des Delmenhorster Todespflegers Niels H. entdeckt. Das gaben Polizei und Staatsanwaltschaft Oldenburg am Mittwoch bekannt.

Im Zusammenhang mit den laufenden Ermittlungen gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels H. haben die Sonderkommission Kardio und die Staatsanwaltschaft Oldenburg weitere Exhumierungen durchgeführt. Nach der Öffnung von weiteren Gräbern möglicher Mordopfer auf Friedhöfen in der Gemeinde Stuhr und in Bookholzberg liegen nun die toxikologischen Untersuchungsergebnisse vor. Danach hat sich in sieben weiteren Fällen der dringende Verdacht ergeben, dass Niels H. die ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst durch die nicht angeordnete Vergabe des Wirkstoffs Ajmalin getötet hat.

Exhumierungen fanden Ende 2015 statt

Die Untersuchungen erstreckten sich laut Mitteilung der Soko Kardio Ende des Jahres 2015 auf die Friedhöfe Heiligenrode, Brinkum, Alt-Stuhr und Moordeich in der Gemeinde Stuhr, sowie auf den Friedhof Bookholzberg in der Gemeinde Ganderkesee.

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Wirkstoff in 21 Fällen nachgewiesen

Der Wirkstoff Ajmalin konnte in sieben weiteren Fällen nachgewiesen werden, obwohl die Personen offiziell nicht mit einem entsprechenden Medikament behandelt wurden. Die Angehörigen der Verstorbenen sind über die Ergebnisse bereits informiert worden.

Insgesamt sind damit nun 63 ehemalige Patienten des Klinikums Delmenhorst exhumiert worden. Der Wirkstoff Ajmalin wurde in 21 Fällen nachgewiesen.

Weitere Exhumierungen folgen

Die Polizeidirektion und Staatsanwaltschaft Oldenburg werden die Exhumierungen in den nächsten Monaten auf weiteren Friedhöfen fortsetzen. „Die Arbeiten auf weiteren Friedhöfen sind bereits angelaufen“, bestätigte Maike Meisterling, Pressesprecherin der Soko Kardio, auf Anfrage unserer Zeitung. Auf welchen Friedhöfen die weiteren Exhumierungen stattfinden, wollte die Sprecherin jedoch nicht sagen. „Wir pflegen einen sehr engen und sensiblen Kontakt zu den Angehörigen der Verstorbenen. Aus Respekt und zum Schutz der Privatsphäre dieser Personen berichten wir im Nachhinein über die Ergebnisse der Exhumierungen und kündigen sie nicht an“, sagt Meisterling.

Hinweistelefon sehr erfolgreich

Die Sprecherin der Sonderkommission wies im Gespräch mit unserer Zeitung noch darauf hin, dass das von der Soko eingerichtete Hinweistelefon (04 41 / 7 90 35 55, werktags, 9 bis 15 Uhr) gerade am Anfang der Ermittlungen sehr gut angenommen worden sei. „Es haben sich darüber mehrere Angehörige bei uns gemeldet, die einen Fall in ihrer Familie überprüft haben wollten“, so Meisterling. Sowohl über das Hinweistelefon als auch in der persönlichen Begegnung gebe es durch psychologisch geschultes Personal einen sehr sensiblen und vertrauensvollen Umgang mit den Angehörigen.

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Ende der Ermittlungen noch nicht absehbar

Wie lange sich die Ermittlungen und Exhumierungen noch hinziehen werden, lässt sich nach Angaben der Soko Kardio nicht abschätzen. „Die nächsten Monate wird das sicher noch dauern“, sagt Meisterling. Nach wie vor sei der Gutachter bei der Arbeit und prüfe Sterbefälle, die mit der Dienstzeit von Niels H. in Verbindung gebracht werden können. Gibt es Anhaltspunkte für einen künstlich provozierten Tod, ordnet er die Exhumierung an. So können sich die Exhumierungen noch einige Zeit hinziehen.

Niels H. wurde am 26. Februar 2015 vom Landgericht Oldenburg wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt . In dem Prozess gab er zu, für rund 90 Taten mit bis zu 30 Todesopfern verantwortlich zu sein. Er hatte Patienten das Medikament Gilurytmal (Wirkstoff: Ajmalin) gespritzt, um bei ihnen Herz-Rhythmus-Störungen auszulösen und sich im Anschluss bei der Reanimation beweisen zu können.

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Die wichtigsten Stationen im Fall Niels H.

1999-2002: Der Pfleger beginnt am Klinikum Oldenburg. Auf zwei Stationen ist er auffällig oft bei Wiederbelebungen dabei. Die Polizei untersucht dort zurzeit den Tod von mehr als 20 Patienten.

2003-2005: Der Angeklagte arbeitet als Pfleger auf der Intensivstation am Klinikum Delmenhorst. Die Todesrate in der Abteilung verdoppelt sich in dem Zeitraum beinahe. Die Ermittler gehen dort aktuell 163 Fällen nach. Außerdem fährt der Pfleger in seiner Freizeit für die Rettungssanitäter im Kreis Oldenburg.

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat. Die Polizei ermittelt.

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt ihn wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

Januar bis Juli 2008: Der Mann arbeitet als Pfleger in einem Altenheim in Wilhelmshaven. Von März bis Oktober fährt er außerdem als Rettungssanitäter für das Deutsche Rote Kreuz in Wilhelmshaven.

Juni 2008: Das Landgericht verurteilt den Mann im Revisionsprozess zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs. Im Dezember wird das Urteil rechtskräftig. Das Berufsverbot tritt in Kraft.

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann. Diesmal wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Der Prozess beginnt im September.

26. November: Es wird bekannt, dass gegen zwei frühere Staatsanwälte wegen des Verdachts der Strafvereitlung im Amt ermittelt wird.

Januar 2015: Der psychiatrische Gutachter verliest eine Erklärung des Angeklagten. Darin gesteht er 90 Taten am Klinikum Delmenhorst. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.

26. Februar 2015: Die Verteidigung hält ihr Plädoyer auf Totschlag. Die Richter verkünden das Urteil: Lebenslange Freiheitsstrafe, besondere Schwere der Schuld, lebenslanges Berufsverbot.

9. März 2015: Das Urteil im Mordprozess ist rechtskräftig.

12. März 2015: Die Exhumierungen möglicher Mordopfer beginnen an der Urneburger Straße in Ganderkesee. Der Wirkstoff Ajmalin wird bei zwei Leichen nachgewiesen.

20. April 2015: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück klagt einen Ex-Oberstaatsanwalt aus Oldenburg an, Ermittlungen gegen Niels H. verschleppt zu haben.

15. Juli 2015: Nach weiteren Exhumierungen in Delmenhorst gibt es Hinweise auf weitere mögliche Opfer von Niels H. Insgesamt erhöht sich die Anzahl der Ajmalin-Nachweise auf 10. Bei 19 untersuchten Leichen konnten keine Spuren nachgewiesen werden.

4. September 2015: Angehörige von Mordopfern des Pflegers erhalten erstmals Entschädigungszahlungen. Eine Familie bekommt 30.000 Euro.

8. Oktober 2015: Die Exhumierungen auf zwei weiteren Friedhöfen in Delmenhorst sind abgeschlossen. Der Wirkstoff Ajmalin wurde bei vier weiteren Leichen nachgewiesen.

13. Januar 2016: Die Exhumierungen auf Friedhöfen in Stuhr und Bookholzberg sind abgeschlossen. Bei fünf weiteren Toten wird der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen – Insgesamt steigt die Zahl der Ajmalin-Nachweise auf 21 an.

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