Vortrag in Zwölf-Apostel-Kirche Erschütternde Details zum NSU-Prozess

Hartmut Nordbruch (rechts) vom Breiten Bündnis gegen Rechts begrüßte am Freitag den Rechtsanwalt Yavus Narin zu einem Vortrag über den NSU-Prozess in der Zwölf-Apostel-Kirche. Foto: Andreas NistlerHartmut Nordbruch (rechts) vom Breiten Bündnis gegen Rechts begrüßte am Freitag den Rechtsanwalt Yavus Narin zu einem Vortrag über den NSU-Prozess in der Zwölf-Apostel-Kirche. Foto: Andreas Nistler

Delmenhorst. Ein erschreckendes Ausmaß staatlichen Versagens bei der Aufklärung der NSU-Morde prangert Rechtsanwalt Yavus Narin an. Der Jurist sprach in Delmenhorst über den NSU-Prozess.

Erschütternde Details über eine schier unendliche Kette an Versäumnissen, Pannen und Fehleinschätzungen des Staates im Zusammenhang mit der Aufklärung der Mordtaten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) haben am Freitagabend rund 50 Gäste in der Kirche Zu den zwölf Aposteln in Düsternort gehört. Auf Einladung der Volkshochschule, des Breiten Bündnisses gegen Rechts und der Delmenhorster Universitätsgesellschaft war der Münchner Rechtsanwalt Yavus Narin, der mehrere Angehörige von NSU-Opfern vertritt, zu einem Vortrag nach Delmenhorst gekommen.

Angehörige mit abstrusen Verdächtigungen konfrontiert

Bereits vor zwei Jahren sprach Narin in Delmenhorst, damals in der Stadtkirche, über die Hintergründe des NSU-Prozesses. In der Zwischenzeit hat das Thema nichts an Aktualität und Brisanz verloren. Immer wieder lösten die Schilderungen des Juristen aus dem Ermittlungs- und Prozessalltag rund um die NSU-Terrorakte beinahe ungläubiges Staunen und Kopfschütteln aus. Etwa als Narin darüber berichtete, wie die ermittelnden Polizeibeamten die Angehörigen nach den einzelnen Mordtaten mit Verdächtigungen konfrontierten, die Ermordeten gehörten der „Türkenmafia“ an und seien infolge von Verstößen gegen deren Ehrenkodex erschossen worden. Nach dem Vorbild amerikanischer Verhörmethoden seien gar die abstrusesten Vorhaltungen gemacht worden, um die vermeintliche Mauer des Schweigens der Angehörigen zu brechen: Die Mordopfer hätten ein Doppelleben geführt und seien in Drogen- und Menschenhandel verstrickt gewesen.

„Wir müssen um jede Akte kämpfen“

Heiße Spuren sowie ein Hinweis von Scotland Yard, der in Köln begangene Nagelbombenanschlag trage die Handschrift einer rechtsextremen Gruppierung, seien missachtet worden, führte Narin weiter aus. Von höchster Ebene sei die Anweisung ergangen, einen terroristischen Hintergrund nicht in Betracht zu ziehen.

Dass nun wenigstens der NSU-Prozess und die Untersuchungsausschüsse des Bundestages und diverser Länderparlamente die Chance zu lückenloser Aufklärung bieten, dieser Hoffnung ließ der Rechtsanwalt nur wenig Raum: „Auch heute noch werden uns Informationen vorenthalten. Wir müssen um jede Akte und um jeden Zeugen kämpfen“, sagte Narin. Sogar von einer lange Zeit existierenden „Allianz zwischen der Bundesanwaltschaft und der Verteidigung von Beate Zschäpe“ sprach der Münchner.


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