„Freiwillig verlässt niemand Familie“ Afghanischer Flüchtling will sein Chemie-Studium fortführen

Von Frederik Grabbe

Bescheidene Wünsche: Maisam (vorne, 22) möchte Chemie studieren, Najib (re., 21) sich in Deutschland ein Leben aufbauen – und Mohsen (li.) einen einzigen Tag mit seiner Familie verbringen. Foto: Frederik GrabbeBescheidene Wünsche: Maisam (vorne, 22) möchte Chemie studieren, Najib (re., 21) sich in Deutschland ein Leben aufbauen – und Mohsen (li.) einen einzigen Tag mit seiner Familie verbringen. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. In Hesepe war Maisam Hasanzada in der dortigen Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge mit 2600 anderen Menschen untergebracht, musste draußen in einem Zelt schlafen, auch wenn es kalt war. Auch wenn er Hesepe erst nicht verlassen wollte: In Delmenhorst kann der afghanische Flüchtling sein Glück kaum fassen.

Hier wohnt er in einer Wohnung der GSG in Düsternort zusammen mit drei weiteren Afghanen, die mit ihm aus Hesepe hierher gekommen sind. Die Möbel sind zwar alle gebraucht aber intakt. „Sofort am ersten Tag war ich richtig überrascht, so eine schöne Wohnung zu bekommen. Hier habe ich ein festes Dach über dem Kopf, wir haben Platz, um Deutsch zu lernen und ein Schlafzimmer. Es ist Luxus“, sagt der 22-Jährige, der schon in Afghanistan Deutsch in der Schule und später am Goethe-Institut in Kabul gelernt hat.

Die Jungs halten ihre Wohnung sauber. Die Pflichten sind klar verteilt. Maisam wäscht Geschirr, Najib geht einkaufen, Mohsen kocht. Bei dem Gespräch in ihrer Wohnung bieten sie Früchtetee und Kekse an, die in einer Schale auf dem Tisch mit einer Decke liegen, in die schnatternde Enten eingenäht sind.

Sprachkurse für die Landsleute

Maisam ist ein gefragter Mann. Das war er schon in Hesepe. Maisam war Dolmetscher für die Johanniter, die Polizei und im Krankenhaus bei den Erstuntersuchungen. Jeden Abend hat er Sprachkurse für seine „Leute“, wie er sagt, gegeben. „Hallo“, „Guten Tag“, einfache Verständigungsformeln – und natürlich das lateinische Alphabet. Maisam hatte eine Aufgabe. Und auch wenn die Zustände in Hesepe nicht die feinsten waren, wollte er doch dort bleiben.

In Delmenhorst möchte er an seine alten Aufgaben anknüpfen. „Seit zwei Wochen und einen Tag“, wie er sagt, lebt er nun in der Wohnung in Düsternort und für Maisam gibt es schon gut zu tun. Schnell ergab sich der Kontakt zu den Integrationslotsen. Drei Mal in der Woche ist er für sechs Stunden im Büro der Lotsen in der Kaufpark-Passage. Er begleitet sie und dolmetscht zwischen ihnen und afghanischen Flüchtlingen. „Es kann gut sein, dass abends ein Anruf kommt, weil ein neuer Bus mit Flüchtlingen in Delmenhorst angekommen ist. Dann muss ich raus und übersetzen, manchmal bis spät in die Nacht.“

„Niemand will sein Haus, seine Familie oder sein Leben zurücklassen müssen“

Maisams eigene Flucht war eine lange, erzählt er: In Afghanistan dolmetscht er neben dem Studium für deutsche Hilfsvereine und Soldaten. Weil darum die Taliban seine Familie bedrohen, flieht er. Vier Monate lang währt seine Flucht. Einen großen Teil davon legt er zu Fuß zurück. „Unsere Heimat ist für uns etwas Besonderes“, sagt Maisam. „Niemand will sein Haus, seine Familie oder sein Leben zurücklassen müssen. Aber in unserem Land gibt es einfach keine Sicherheit “, sagt er. Über viele Stationen in Deutschland landet der junge Afghane in Delmenhorst.

(Weiterlesen: dk-Themenportal „Flüchtlinge in Delmenhorst)

Doch wo und wie in der Stadt überall Hilfe für Flüchtlinge angeboten wird, dass weiß Maisam trotz Deutschkenntnissen nicht so genau. Er ist überrascht, dass es an der Elbinger Straße eine Tafel gibt, von ihm aus ist das quasi fast um die Ecke. Von den zahlreichen Sprachkursen im Apostelgemeindehaus an der Breslauer Straße weiß er zum Beispiel auch nichts. Im Bürgerbüro habe man ihm das Neubürger-Bonusheft gegeben. Auf der ersten Seite grüßt Ex-Oberbürgermeister Patrick de la Lanne, weiter innen gibt es etwa Gutscheine für einen Besuch in der Städtischen Galerie, für die Museen auf der Nordwolle – und einen Gutschein für ein Solarium. „Wir fühlen uns wie Kinder, die in eine neue Welt hineingeboren wurden.“ Die Kultur, die Sprache, die Menschen, alles sei anders, beschreibt Maisam sein aktuelles Lebengefühl.

Das lange Warten, die Ungewissheit frustet

Doch er will nicht klagen. „Es ist schön hier. Aber das größte Problem ist, dass wir noch kein Deutsch können “, spricht er eher für seine Mitbewohner und andere Landsleute. Wenn Maisam darum nicht für die Integrationslotsen unterwegs ist, lernt er mit seinen Mitbewohnern Deutsch. In seinem Zimmer stapeln sich die Zeitungen. „Ich selbst lerne ja auch dazu und schlage Wörter nach, die ich nicht kenne.“

Maisam ist emsig – darum frustet ihn das Warten auf seine Asyl-Anhörung besonders. Engagierte er sich nicht für andere Flüchtlinge, wäre er, wie viele andere Asylbewerber, zum Nichtstun verdammt. „Wenn ich nichts zu tun habe, denke ich, ich verschwende meine Zeit.“

Die Wünsche der jungen Männer für die Zukunft sind bescheiden. Maisam würde am liebsten sein Chemie-Studium fortführen können. Najib würde sich in Deutschland gerne ein neues Leben aufbauen. Und Mohsen sehnt sich einfach nur danach, einen einzigen Tag mit seiner Familie zu verbringen.


0 Kommentare