Vortrag in Delmenhorst Soziologin zeichnet düsteres Bild der Mittelschicht

Wohin treibt es die Mittelschicht? Dieser Frage ging am Dienstagabend im HWK die Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch aus Darmstadt in einem Vortrag nach. Archivfoto: Andreas NistlerWohin treibt es die Mittelschicht? Dieser Frage ging am Dienstagabend im HWK die Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch aus Darmstadt in einem Vortrag nach. Archivfoto: Andreas Nistler

Delmenhorst. Die Mittelschicht schmilzt dahin, die Angst vor dem Abstieg wächst, der Kampf um die Selbsterhaltung hat begonnen. Es war ein düsteres Bild, das die Darmstädter Soziologie-Professorin Cornelia Koppetsch am Dienstag im Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) zeichnete. Ihr Vortrag befasste sich mit dem Wandel der deutschen Mittelschicht in der globalisierten Gesellschaft.

Die Mittelschicht schmilzt ab, es entsteht eine neue Klassengesellschaft. Das ist eine Beobachtung, die am Dienstagabend im Hanse-Wissenschaftskolleg die Soziologin Cornelia Koppetsch skizziert hat. Gründe dafür sind:

  • dass Überschüsse der Unternehmen auch bei guter Konjunktur nicht in Löhne fließen, sondern ins Kapital, in Aktionärsrenditen oder ins Management.
  • Dazu entstehen mehr und mehr atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Zeitarbeit oder Minijobs.
  • Als Reaktion entsteht Angst vor dem sozialen Abstieg. Doch Vermeidungsstrategien laufen ins Leere.

Der Vortrag begann mit einem einfachen aber exemplarischen Fallbeispiel: Ein Elektriker verliert seinen Job und absolviert darauf eine Fortbildung zum Fachinformatiker. Weil er mit Mitte 40 „zu alt“ für den Arbeitsmarkt ist, bekommt er keine feste Stelle mehr, auch eine selbstständige Tätigkeit als Fachinformatiker verläuft schleppend. Die Frau des Mannes arbeitet an einer Supermarktkasse solange, bis sie krank wird und den Job aufgeben muss. Nach ihrer Genesung findet sie keinen Job mehr. Beide wissen nicht, wie sie künftig die Raten fürs Haus bezahlen sollen. „Damit sie Hartz IV erhalten, müssen beide erst ihre Vermögen aufbrauchen. Abschmelzen nennt man das“, so Koppetsch.

Verlust der Arbeit, Krankheit: Aspekte, die nahezu unberechenbar seien - und somit Angst schürten. Wenn man sich Koppetsch Zahlen ansah, ist diese auch berechtigt: Zählten unter Demografen 1984 noch 64 Prozent der Bevölkerung zur Einkommensmittelschicht (zur Einordnung: verdient eine Familie heute zwischen 2476 und 5000 Euro netto, gehört sie statistisch zur Mittelschicht), waren es 2006 nur noch 54 Prozent. Zwar habe sich der Wert zuletzt erholt (2014: 58 Prozent), doch sei der Trend deutlich: „Die Zahl der Armen und der Reichen nimmt zu, die Mittelschicht schmilzt ab“, so die Professorin.

Wie absurd diese Entwicklung sei, verdeutlichte sie anhand der aktuellen Beschäftigung. „Deutschland ist so produktiv wie nie, die Arbeitslosigkeit ist auf einem Rekordtief, wir sind Exportweltmeister und haben die globalisierten Märkte erobert.“ Auf die Mittelschicht habe die Konjunktur aber keinen Einfluss. „Überschüsse gehen ins Kapital der Firmen, werden als Rendite an Aktionäre ausgezahlt oder fließen ins Management, die Löhne nehmen nicht zu“, stattdessen nähmen atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Zeitarbeit oder Minijobs stark zu.

Angst vor dem Absturz, Verleugnung der Realität

Das Bild der sich vermindernden Mittelschicht sei aber noch lange nicht in den Köpfen der Menschen angekommen: Die große Mehrheit finde zwar, dass sie sich in unsicheren Zeiten befinde, doch dennoch zähle sie sich zum großen Teil selbst, ob Manager oder Hartz-IV-Empfänger, zur Mittelschicht. „Dabei sind die Realitäten andere“, so Koppetsch.

Die Angst, abzustürzen, resultiere nicht zuletzt aus dem gesunkenen Wohlfahrtsniveau.

  • Im Bereich Bildung würden Kinder zunehmend auf Elite-Kindergärten oder -Schulen geschickt, weil dem öffentlichen Sektor weniger vertraut werde. Dabei entwerte sich Bildung mitunter selbst „Nur wenn wenige aufs Gymnasium gehen“, verdeutlichte Koppetsch“, bleibt der Abschluss exklusiv.
  • In Sachen Gesundheit müsse oft draufgezahlt werden, um befriedigende Leistungen zu erhalten
  • und um die Altersvorsorge kümmere man sich heute besser selbst, weil man sich auf eine ausreichende, gesetzliche Rente nicht verlassen könne.

Diese Angst werde zudem angefacht durch aktuelle Flüchtlingsbewegungen, „weil der Zustrom einen Konkurrenzkampf auf Sozialleistungen bedeutet“, so Koppetsch. „Warum kümmert sich der Staat nicht um mich?“, eine Frage, die aufgrund der höheren Arbeitslosigkeit gerade im Osten Deutschlands oft gestellt werde.

  • Auf die Angst gibt es freilich auch Vermeidungsstrategien: Etwa die Gesinnung der Selbstoptimierung. Sinnbild dafür sei das Messband am Handgelenk, um sich beim Sport selbst überwachen zu können. Das Ziel: gesund bleiben, – und somit leistungsfähig für den Job. „Jeder Lebensaspekt wird als Investition betrachtet, die sich irgendwann auszahlt“, so Koppetsch, „das ökonomische Kalkül wird auf das gesamte Leben übertragen.“ Es setze sich zunehmend eine „Winner-takes-it-all“-Mentalität durch, nur wer Spitzenleistung bringe, ist etwas wert. Ein Aspekt, der laut der Professorin besonders in den Exzellenz-Initiativen der Universitätslandschaft zu erkennen ist.

  • Nach der Logik des Selbsterhalts durch Selbstabschließung würde sich auf die Sicherung des eigenen Status‘ konzentrieren, man bleibe unter sich, schließe Aufsteiger konsequent aus. Sinnbildlich stünden dafür Facharbeiter, die sich in Befragungen klar von Leiharbeitern abgrenzten.

  • Nach einer Strategie der Restauration würden sich Angehörige der Mittelschicht ein früheres „goldenes Zeitalter“ herbeigesehen. Die D-Mark-Zeit, in der alles besser war und in der das Leben als sicherer angesehen wurde. So entstünden vermehrt konservative Werte.

Doch alle drei Strategien, so Koppetsch, bewirkten, dass man entweder in das Konzert des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs einstimme oder Aufsteiger ausschließe – und somit die eigene Gruppe, die Mittelschicht, schwächt. „Die Mittelschicht treibt sich selbst zur eigenen Schädigung, die Entstehung einer neuen Klassengesellschaft ist erst am Anfang“, sagte sie voraus.

Der Vortrag fand im Rahmen des Jahresthemas des HWK „In welcher Welt leben wir? Signaturen des Epochenwandels“ statt.


Zur Person:

Cornelia Koppetsch studierte Soziologie, Psychologie und Philosophie an den Universitäten Gießen, Hamburg und an der Freien Universität Berlin. Unter anderem beschäftigte sie sich mit in einem Forschungsprojekt mit Geschlechtsnormen in Paarbeziehungen im Milieuvergleich. Sie habilitierte im Fach Soziologie mit einer Forschungsarbeit zum Wandel von Arbeit und Identität. Nach verschiedenen Vertretungs- und Gastprofessuren ist Cornelia Koppetsch seit Oktober 2009 Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gegenwartsdiagnosen zu Familie, Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse, Arbeit und Subjektivität. 2013 erschien ihr Buch „ Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte“ , in dem sie sich unter anderem auch mit der Mittelschicht befasste.

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