Ein Stück Stadtgeschichte Kiosks in Delmenhorst: Halb Kiosk, halb Kneipe

Von Frederik Grabbe


Delmenhorst. Keine Zeitung, kein Lotto, keine Zigaretten – und doch ein Kiosk. Typisch für das Geschäftsmodell eines Kiosks ist der Laden von Agnes Hermann nicht. In ihrem Laden strömt Bier durch den Zapfhahn. Ihr Kiosk ist eine halbe Kneipe.

Zeitungen oder Zeitschriften gibt es keine. Lotto kann man nicht spielen. Und Zigaretten sind auch nicht zu kaufen, sieht man einmal von dem Automaten nebenan ab. Und trotzdem ist es ein Kiosk. Der Kiosk an der Graft, direkt neben den Parkplätzen beheimatet, ist so untypisch, wie man es sich nur denken kann. Durch das Kioskfenster gehen bunte Tüten, Cola oder Eis. Durch den Zapfhahn im Inneren strömt Bier. Der Schnaps wird in kleinen Fläschchen verkauft. Im Grunde ist der Laden „Zur kleinen Graft“ zur Hälfte Kiosk, zur Hälfte Kneipe. Agnes Hermann ihn vor 20 Jahren übernommen. Am 1. April dieses Jahres wurde das gefeiert. Davon zeugt ein kleines Bild an der Wand, eine Fotocollage, die Gäste zusammengestellt haben.

Ich lebe von den Stammkunden

Getränke und bierbegleitende Speisen machen das Gros des Umsatzes aus, sagt die 50-Jährige und zieht eine dampfende Frikadelle aus der Mikrowelle, nur um gleich darauf zwei Bockwürste aus einem Topf auf zwei Teller zu legen. Dazu etwas Weißbrot. Heute ist viel los. Am Fenster verlangt ein junger Mann nach Capri Sonne. „Es gibt zwar viel Laufkundschaft, zum Beispiel durch die GraftTherme oder Spaziergänger aus der Graft, doch ich lebe größtenteils von den Stammkunden. Im Grunde sind wir wie eine Familie“, beschreibt Hermann. „Meine älteste Kundin ist 96 Jahre alt. Hier kann sie quatschen und sie erlebt was. Es ist immer jemand da.“ Bei Umzügen greife man sich privat gegenseitig unter die Arme, es gebe eine Toto-Gruppe, die ihre Erlöse nutze, um kleine Ausflüge zu unternehmen. „Jeder weiß vom anderen viel und jeder hilft mit.“ Der Geburtstag eines Gastes wurde zuhause im eigenen Garten gefeiert, auch in der Kneipe gibt es manchmal Hilfe: Hermanns Mutter Helga (67) packt im Kiosk mit an und steht häufig hinterm Tresen. „Ich hab‘s mit dem Rücken. Wenn ich ein neues Fass brauche, dann hilft mir ein Stammgast“, sagt sie. Bei dieser Familie darf einer nicht fehlen: Hündchen Nicky (10). Der Jack-Russel-Terrier gehört quasi zum Inventar und ist auch auf Pressefotos am Gläserschrank verewigt. „Siehst du mich ohne Leine, brauchst du Glück und lange Beine“, steht auf einem humorigen Aufkleber an der Wand. Gleich daneben: „Irrenanstalt. Betreten auf eigene Gefahr.“

Vandalismus, Frust – und doch Überzeugung

Gefahr mag vielleicht nicht am Graft-Kiosk herrschen, dafür verursacht die Lage des Ladens einigen Ärger. „Fahnen oder Blumen kann man draußen nicht anbringen. Die sind am nächsten Morgen kaputt“, spricht Helga Hermann Vandalismus an. Hinzu kämen kaputte Halterungen am Geländer oder defekte Lampen oder Graffiti am Gebäude. „Beim 24-Stunden-Lauf saßen die Leute mit dem Hintern in den Blumenkübeln“, sagt sie. Hinzu komme Ärger mit der Toilette. Nur zu häufig fänden sich unsauber platzierte Hinterlassenschaften. Mit ein Grund, warum Agnes Hermann für die Benutzung 50 Cent verlangt. Der Frust darüber ist groß, das merkt man der gelernten Hotelfachfrau an. „Doch die persönliche Bindung zu den Stammgästen überwiegt“, sagt sie.

Ein Stück Delmenhorster Stadtgeschichte

Bei allen Widrigkeiten verströmt der Laden einen besonderen Charme: An einer Wand ist eine Vielzahl von Unterschriften zu lesen. Schausteller vergangener Jahrzehnte, die auf den Graftwiesen Station machten, haben sich hier verewigt. So hat etwa ein gewisser Ralf Böker im Jahr 1976 unterzeichnet. „Viele von ihnen leben gar nicht mehr“, sagt Agnes Hermann. „Manchmal kommen die Nachkommen vorbei schauen sich die Wand an.“ Die ein oder andere Träne könne nicht immer zurückgehalten werden. Nicht immer ist eine Unterschrift zu lesen. Auch ein alter Werbespruch ist für die Ewigkeit festgehalten. So schrieb ein Unbekannter 1978: „Es steht an jedes Baumes Borke, Strothmanns ist knorke.“ Die Wand stehe mittlerweile unter Denkmalschutz, sagt Hermann, die das rund 80 Jahre alte Gebäude von der Stadt gepachtet hat. Der Grund: Die Wand konserviere Delmenhorster Stadtgeschichte.


Zeitungen, Kaffee, Süßigkeiten und natürlich Klatsch aus der Nachbarschaft: Kioske waren lange aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Und doch gibt es immer weniger. In der Serie „Mein Kiosk“ stellt das dk in loser Reihenfolge Kioske und ihre Betreiber vor.