Szenische Lesung bei Jünemann Tucholsky-Texte werden in Delmenhorst lebendig

Weste, Schreibmaschine, Federkiel, Wein und Zigarette: Johannes Mitternacht macht Tucholskys Texte lebendig. Foto: Andreas NistlerWeste, Schreibmaschine, Federkiel, Wein und Zigarette: Johannes Mitternacht macht Tucholskys Texte lebendig. Foto: Andreas Nistler

Delmenhorst. Johannes Mitternacht hat am Freitagabend in der Buchhandlung Jünemann einen gelungenen Tucholsky-Abend geboten.

„Der Mensch“, so schrieb Kurt Tucholsky einst treffend, „hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören.“ Tucholsky war Peter Panter und Kaspar Hauser, er war auch Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Kurt Tucholsky hat als Journalist, Feuilletonist und Schriftsteller viele Pseudonyme benutzt. Auch Jens Ullmann hat eines. Als Johannes Mitternacht ist der Delmenhorster als Theaterpädagoge, Schauspieler und Rezitator unterwegs. In der Buchhandlung Jünemann hat er am Freitagabend unter dem Titel „Wenn die Igel in der Abendstunde oder Die Erde ist doch ein vergnüglicher Stern“ einen Tucholsky-Abend auf die Beine gestellt, der Mensch und Werk lebendig werden ließ.

Drei Lesungen ausverkauft

Die Karten waren schnell vergeben, auch eine zweite, ja eine dritte Lesung ist ausverkauft. Und so hatten am Freitag 50 Zuhörer das Vergnügen, aus Mitternachts Mund facettenreich die Worte des Mannes zu hören, der zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik gehörte – und der vor 125 Jahren geboren wurde und vor 80 Jahre zu früh im schwedischen Exil verstarb, in einer Zeit als der Faschismus längst seine Fratze zeigte.

Textauswahl überzeugt

Mitternachts Textauswahl zeigte, dass vieles von dem, was der linksliberale Demokrat Tucholsky „mit Gänsekiel aus der schwarzen Flut“ der Tinte geholt hat, noch heute aktuell ist. Die pointierte Klage über den Verfall der Sprache, die Irrungen und Wirrungen der Liebe, die Wachsamkeit gegenüber politischem Unbill – all’ das trifft noch heute in Herz und Kopf. Und als wollte das Publikum Tucholsky spät noch Lügen strafen, bewies es: der Mensch kann auf Krach verzichten und zuhören. Mitternacht brachte zudem den Beweis: Tucholsky sollte man noch immer lesen – oder besser noch: hören.


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