Jede Woche eine neue Entwicklung Umgang mit Flüchtlingen fordert nicht nur die Verwaltung

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Bald eine neue Bleibe für bis zu 50 Flüchtlinge? Der Umbau der alten Kinderklinik am Klinikum wird mit rund 290000 Euro zu Buche schlagen. Foto: Andreas NistlerBald eine neue Bleibe für bis zu 50 Flüchtlinge? Der Umbau der alten Kinderklinik am Klinikum wird mit rund 290000 Euro zu Buche schlagen. Foto: Andreas Nistler

Delmenhorst. Im Rathaus gilt die Aufgabe als „sehr sportlich“. Und auch als teuer. Die zuständige Fachbereichsleiterin stellt sie dennoch zu keinem Zeitpunkt in Frage.

Was die „Tagesschau“-Meldung zur Lage in Syrien mit Delmenhorst zu tun hat? Eine Menge. Petra Gerlach spürt das jeden Tag. Als Leiterin des städtischen Fachbereichs Gesundheit, Verbraucherschutz und Gefahrenabwehr ist die 43-Jährige auch für die Unterbringung von Flüchtlingen verantwortlich. Eine Herausforderung, die sie gegenwärtig als „sehr sportlich“ bezeichnet.

Stadt kann keinen Einfluss nehmen

Vor allem deshalb, weil Delmenhorst keinen Einfluss nehmen kann auf den zahlenmäßigen Zulauf von Menschen aus den Krisen- und Kriegsgebieten der Welt. Die Quoten für alle deutschen Kommunen werden von übergeordneten Stellen festgelegt, daraus gilt es das Beste zu machen. So weiß Delmenhorst bereits, dass über die Niedersächsische Landesaufnahmebehörde bis zum dritten Quartel weitere 314 Menschen aufzunehmen sind. Im Herbst würden dann rund 600 Flüchtlinge und Asylbewerber in Delmenhorst leben.

Zahlen sind bereits überholt

Das Ende der Fahnenstange? Nein. Gerade erst hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge der Kommune mitgeteilt, dass die Zahl 314 überholt sei. Delmenhorst muss sich auf noch mehr Zuwanderer einstellen.

Rahmenbedingungen ändern sich jede Woche

Im Wissen, was viele Menschen in ihren Heimatländern durchmachen mussten, spricht Petra Gerlach von einer Aufgabe, der man sich gerne stelle. Aber sie sagt auch: „Im Moment ändern sich die Rahmenbedingungen jede Woche.“ Und weiter: „Menschen zu integrieren bedeutet mehr, als ihnen ein Bett hinzustellen.“

Froh über Integrationslotsen

Delmenhorst tut von sich aus mehr. So ist die Flüchtlingssozialarbeit seit einiger Zeit im Aufbau. Zudem, sagt Gerlach, gebe es aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen Anfragen, wie man Unterstützung leisten könne. „Wir sind sehr froh, dass wir die Integrationslotsen haben“, sagt die Fachbereichsleiterin. Im gleichen Atemzug fügt sie an: „Uns ist allen bewusst: Wenn wir mit Ehrenamtlichen arbeiten, sind da Grenzen.“ Und um Bereiche wie etwa die Gesundheitsversorgung könnten sich diese gar nicht kümmern.

Flüchtlinge kommen meist mit dem Zug

Gegenwärtig kommen – meist mit dem Zug – besonders viele Menschen aus Syrien, Afghanistan, Irak und Iran in Delmenhorst an, aber auch aus den Balkanstaaten. Sie müssen in Empfang genommen und zu ihrer Unterkunft geleitet werden, bevor es bürokratische Dinge zu klären und die Alltagsabläufe zu bewältigen gilt.

6195 Euro im Jahr pro Flüchtling

All das kostet Geld. 6195 Euro werden Delmenhorst von Bund und Land dafür pro Flüchtling und Jahr überwiesen – mit jeweils zweijähriger Verzögerung. Viel zu wenig, hat schon Oberbürgermeister Axel Jahnz gesagt und Petra Gerlach sagt das auch. Um alles halbwegs bewältigen zu können, müssten es nach ihren Worten rund 10000 Euro sein.

Geld wird nicht reichen

Allein für die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen – in Gebäuden der Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft (GSG) – hatte Delmenhorst für das laufende Jahr 500000 Euro veranschlagt. „Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass zusätzliche Aufwendungen in Höhe von circa 400000 Euro entstehen“, heißt es in einem internen Verwaltungspapier. Auf diese Zahl angesprochen, sagt Petra Gerlach: „Auch das wird nicht reichen.“

Flüchtlinge in der Kaserne?

Auch die dezentralen Unterbringungsmöglichkeiten reichen nicht mehr. Deshalb ist das Obergeschoss des Stadionheims bereits für die Aufnahme von 48 Flüchtlingen bautechnisch hergerichtet worden, ebenso wir die ehemalige Kindertagesstätte „Rappelkiste“ an der Breslauer Straße für die Aufnahme von rund 40 Personen vorbereitet. Und noch vor den Sommerferien soll der Rat 290.000 Euro für den Umbau der alten Kinderklinik am Klinikum bewilligen. Dort könnten bis zu 50 Flüchtlinge unterkommen. Im nächsten Schritt könnte ein leer stehendes Gebäude der ehemaligen Barbara-Kaserne in Adelheide Verwendung finden. Es müsste zunächst vom Bund freigegeben werden.

Und was wäre, wenn die Stadt nicht mehr könnte? Für Petra Gerlach stellt sich diese Frage nicht: „Wir müssen die Menschen aufnehmen, der Schlüssel ist für alle Kommunen gleich.“


Die Stadt Delmenhorst ist seit jeher eine Stadt der Zu- und Einwanderer. Ohne diesen Zuzug von außen hätte sie nicht die Größe von aktuell annähernd 80.000 Einwohnern erreicht, er darf somit als Gewinn gelten. Die Zuwanderung verlief dabei wellenartig. Es begann im späten 19. Jahrhundert mit der einsetzenden Industrialisierung, nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Stadt einen Zustrom von Menschen erfahren, die vor dem Krieg geflohen sind. In den sechziger und siebziger Jahren kamen vor allem Menschen aus der Türkei, die damals sogenannten Gastarbeiter. In den frühen neunziger Jahren zogen dann Menschen aus Osteuropa nach Delmenhorst, vor allem die sogenannten Spätaussiedler. Die jüngste Welle begann bereits 2011. Seitdem kommen vor allem Syrer, Afghanen, aber auch Menschen aus osteuropäischen EU-Staaten. juls

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