Jetzt kommt Kalle Karl-Heinz Haffki, der älteste Musikschüler Delmenhorsts


Delmenhorst . Mit 80 Jahren entschloss sich Karl-Heinz Haffki, Klavier zu lernen – und das, obwohl er 50 Jahre lang gar nicht musiziert hatte. Haffki ist der älteste Musikschüler Delmenhorsts – und immer für eine Geschichte gut.

Irgendwie passt Karl-Heinz Haffki hier nicht rein. Im Treppenhaus der städtischen Musikschule hängen Bilder, die Kinder zeigen, wie sie Trompete oder Geige spielen. Durch die Gänge gehen Mädchen und Jungen, die nicht älter als 16 Jahre alt sind. Haffki ist 87. Und er lernt Klavier. Haffki ist der älteste Musikschüler Delmenhorsts. Seine Lehrerin Irina Strebel ist 40 Jahre alt. Als sie geboren wurde, war Haffki 47 – und hatte mit Musik schon lange nichts mehr am Hut. Dabei liegt sie ihm im Blut.

Der Frau zuliebe aufgehört

„Ich habe früher oft Tanzmusik aufgeführt. Aber dann hat meine Frau nicht mehr mitgespielt“, sagt er. Als Bundespolizist habe er im Schichtdienst gearbeitet, oft auch an Sonntagen. Und an den Sonntagen, wo er nicht arbeiten musste, spielte er als Bläser eben Tanzmusik. Seiner Frau zuliebe war dann 50 Jahre lang Schluss mit der Musik. Naja, fast. „Ich habe bloß manchmal Knopfakkordeon gespielt.“ Als seine Frau dann starb, erinnerte sich Haffki an die Musik: Als Zehnjähriger lernte er Fanfare in dem Gebäude, in dem sich heute die Musikschule befindet. Dann wechselte er aufs Althorn, weil das Instrument vielseitiger war, danach erlernte er die Zugposaune, weil sein Musiklehrer meinte, seine Lippen wären dafür geeigneter. Über die Jahre eignete er sich noch das Knopfakkordeon und das Cello an. Nach der jahrzehntelangen Pause kaufte Haffki sich als 77-Jähriger ein Keyboard, in Schönemoor spielt er heute manchmal Orgel, mit 80 Jahren begann er, an der Musikschule Klavier zu lernen. „Drei Musiklehrerinnen habe ich schon gehabt“, sagt Haffki nicht ganz ohne Stolz.

Auswendig geht‘s leichter

Bei Irina Strebel gefällt es ihm am besten. In der Stunde muss es nicht unbedingt klassisch zugehen. „Manchmal hat Herr Haffki eine Melodie im Kopf und schüttelt sie einfach so aus dem Ärmel“, sagt Strebel. Oft sind das Melodien von älteren Liedern. „Das Wandern ist des Müllers Lust“ etwa, oder „Mein Vater war ein Wandersmann“. Heute wird das Lied „Candlelight Waltz“ geübt. „Die Tasten sind ein wenig anders als zuhause. Manchmal bin ich nicht sicher, ob ich auf dem richtigen Dampfer bin“, warnt Haffki vorweg vor möglichen Verspielern. Der Start ist ein wenig holprig, aber mit der Zeit gewinnt der 87-Jährige an Sicherheit bei seinem Klavierspiel – er hat ja schließlich geübt. „Soll ich mal was von Chopin spielen? Das kann ich auswendig.“ Seit Haffki im Musikzug vor Jahrzehnten mit dem Notenzettel auf der Zugposaune immer gegen seinen Vordermann stieß, hat er sich angewöhnt, sich die Stücke einzuprägen. Heute ist er manchmal nervös, wenn ihm jemand beim Üben über die Schulter guckt. Darum hat er zuhause ein Bild von seiner Klavierlehrerin auf dem Instrument stehen, „um sich an ihre Anwesenheit zu gewöhnen“, sagt er.

„Er will immer 100 Prozent bringen“

Dass Haffki noch so eifrig musiziert, ist nicht selbstverständlich. Seine Finger sind von Arthrose gezeichnet. Er hat Probleme mit dem Gehör und vor ein paar Jahren wurde er an der Herzklappe operiert. Weil er mit seinen Fingern nicht mehr so gut Bass-Schlüssel greifen kann, sucht Strebel ihm extra Stücke heraus, die entsprechende Griffe vermeiden – oder erfindet ersatzweise Tastenfolgen, die für Haffki leichter zu spielen sind. „Ich hatte selten einen so ehrgeizigen Schüler. Herr Haffki will immer 100 Prozent Leistung bringen“, sagt die Klavierlehrerin. „Ich bin schon ein wenig neidisch auf echte Pianisten. Aber da komm‘ ich wohl nicht mehr hin“, sagt der 87-Jährige ein wenig traurig. Dass er überhaupt Klavier spielt, ist schon aller Ehren wert. „Am Anfang mussten wir neben jede Note einen Buchstaben für den Ton malen“, sagt Strebel. Denn das Gefühl für die Tonleiter hatte Haffki über die Jahrzehnte der Musikpause verloren.

Geschichten und Anekdoten

Was Haffki ganz bestimmt nicht verloren hat, ist sein Gedächtnis. Zwischen den Stücken hält er immer wieder inne. Es rumort es in seinem Kopf – und dann erzählt er eine Geschichte. Darüber zum Beispiel, wie er als Junge in der Hitlerjugend im Bann-Musikzug 382 für verletzte Soldaten in einem Lazarett in Emden musizierte; wie zwei seiner Brüder auf der Krim fielen; wie er und seine Tanzkapelle nach einer Vorstellung in Kriegszeiten von Bauern mit geschmierten Broten bedacht worden sind („Dieser Hunger – es war eine schlimme Zeit damals“); darüber, wie er vor Jahren mit dem Kanu 800 Kilometer auf der Rhône von Genf nach Avignon paddelte – oder darüber, wie er verschiedene Computerkurse besuchte, unter anderem, um seinen Enkeln E-Mails zu schreiben: „Heute habe ich mehr Kontakt zu ihnen als je zuvor“, sagt er. Haffki erzählt gerne über sich. Seine Geschichten sind wahllos aus seinem Leben herausgegriffen, der 87-Jährige könnte ein Buch schreiben – auch wenn es dafür einen roten Faden bräuchte.

Zum 51. Mal nach Südtirol

Man könnte sagen, Haffki ist ruhelos – oder vielleicht einfach nur aktiv? Der 87-Jährige fährt immer noch gerne auf Reisen mit aktiven und inaktiven Beamten der Bundespolizeiinspektion Bremen und spielt dort mit seinem Keyboard Musik. Dabei hat er immer ein großes, gelbes Schild, auf dem groß geschrieben steht: „Jetzt kommt Kalle.“ Bis vor Kurzem spielte er in Altenheimen für Senioren, die teilweise jünger waren als er selbst. Gerade hat er zum 51. Mal Südtirol besucht.

„Ich mache bis Open End“

Und dann ist da eben noch die Musik. Die liebt er besonders – auch wenn sich die Fortschritte im Alter nicht mehr ganz so schnell einstellen. Die Frage, die sich bei Delmenhorsts ältesten Musikschüler am ehesten aufdrängt, braucht man gar nicht erst stellen. Die beantwortet er selber. „Ich mache bis Open End. Ich spiele so lange, bis es nicht mehr geht“, sagt er voller Ehrgeiz. Und voller Willen.


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