Ex-Guantanamo-Häftling bei IGS Kurnaz berichtet Delmenhorster Schülern von Folter

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Der Ex-Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz spricht mit Zehntklässler Stefan von der Integrierten Gesamtschule. Die Geschichte von Kurnaz wurde unter dem Titel „5 Jahre Leben“ verfilmt. Foto: Daniel KnokeDer Ex-Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz spricht mit Zehntklässler Stefan von der Integrierten Gesamtschule. Die Geschichte von Kurnaz wurde unter dem Titel „5 Jahre Leben“ verfilmt. Foto: Daniel Knoke

Delmenhorst.Der Bremer Murat Kurnaz hat IGS-Schülern aus seiner Zeit im US-Lager Guantanamo berichtet. Sein jüngster Mithäftling war neun Jahre alt.

Murat Kurnaz ist kein gebrochener Mann. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und führt ein vergleichsweise normales Leben in Bremen. Im gestrigen Gespräch mit Schülern der Integrierten Gesamtschule (IGS) wirkt er ruhig und reflektiert. Ein überraschender Eindruck, wenn man bedenkt, dass Kurnaz fünf Jahre unschuldig im US-Lager Guantanamo auf Kuba festgehalten wurde und dort Folterungen ausgesetzt war.

„Die meisten entlassenen Guantanamo-Häftlinge sind stumm, sie kommen als leere Hülle wieder heraus“. So drückt Kurnaz-Anwalt Bernhard Docke aus, was ein Häftling nach der Entlassung erwartet. Warum Kurnaz diesem Bild nicht entspricht, kann er sich selbst nicht erklären. „Es gibt zwei Wege, damit umzugehen“, berichtet Kurnaz. „Man kann daran kaputtgehen oder weitermachen“. Er habe sich fürs Weitermachen entschieden. Als Erklärung, warum ihm das gelingt, führt Anwalt Docke den Humor und den gut trainierten Körper des früheren Kampfsportlers an. Beides habe ihm geholfen, die physische und psychische Folter zu überstehen.

Fast fünf Jahre lang war der gebürtige Bremer von 2002 bis 2006 den Misshandlungen seiner Wärter in dem heftig kritisierten US-Gefangenenlager täglich ausgesetzt. „Die Wärter konnten jederzeit zuschlagen, wenn sie Lust dazu hatten“, erzählt Kurnaz den Delmenhorster Schülern der 10. bis 13. Klasse, die gebannt zuhören. Diese hatten sich im Unterricht zuletzt mit Menschenrechten auseinandergesetzt. Und treffen nun auf einen Menschen, der während dieser Zeit keines seiner Rechte in Anspruch nehmen durfte.

Schon der Beginn seiner Geschichte ist mit keinem Gerechtigkeitsempfinden in Einklang zu bringen. Auf einer Reise in Pakistan wird Kurnaz 2002 von der pakistanischen Polizei aus einem Bus geholt. Er wollte den Heimflug nach Deutschland antreten. „Ich war der einzige Hellhäutige im Bus“, berichtet Kurnaz. Das habe Aufmerksamkeit erregt. Auf Terrorverdächtige hatten die USA in Pakistan pauschal ein Kopfgeld von 3000 Dollar ausgesetzt. „Das war für die pakistanische Polizei ein schöner Nebenverdienst“, erklärt Anwalt Docke.

„Die haben alle genommen“, vermutet Kurnaz. So seien viele als „Terrorverdächtige“ in Guantanamo gelandet, die dort gar nicht hingehörten. „Der jüngste Häftling war neun Jahre alt, der zweitjüngste zwölf“, erzählt er seinem Publikum, das nur wenige Jahre älter ist. Diese Beliebigkeit macht nicht nur die Delmenhorster IGS-Schüler sprachlos.

Ebenso die Tatsache, dass den amerikanischen Behörden bereits nach wenigen Monaten aufging, dass sie mit Kurnaz keinen Terrorverdächtigen festhielten. Bereits 2002 stellten Geheimdienstler fest, dass Kurnaz ungefährlich war und zu Unrecht in Guantanamo war. Die Amerikaner boten an, ihn freizulassen, doch die Bundesregierung lehnte ab. Deutschland sah sich nicht zuständig, weil er türkischer Staatsbürger war. Die türkischen Diplomaten erklärten hingegen, Kurnaz sei ein deutsches Problem. „Sie haben mich als deutschen Spion bezeichnet“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Er wird vier weitere Jahre in Guantanamo gefoltert, bis eine diplomatische Initiative der Bundesregierung 2006 doch seine Freilassung bewirkt. Die türkische Staatsbürgerschaft hat er trotzdem behalten. „Zu viel Papierkram“, erklärt er lapidar.


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