Pressekonferenz zu Mordprozess Klinikum weist Mitschuld zurück

Riesiger Medienandrang in der Divarena: Auch rund ein Dutzend Fernsehteams berichteten von der Pressekonferenz des Klinikums Delmenhorst. Foto: dpaRiesiger Medienandrang in der Divarena: Auch rund ein Dutzend Fernsehteams berichteten von der Pressekonferenz des Klinikums Delmenhorst. Foto: dpa

Delmenhorst. Erstmals seit Ausweitung der Ermittlungen gegen Niels H. hat sich das Klinikum Delmenhorst geäußert. Eine Mitschuld wird zurückgewiesen.

Das Delmenhorster Klinikum hat sich erstmals zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit dem Ex-Pfleger Niels H. geäußert. In einer Pressekonferenz, zu der das Klinikum gestern in die Divarena geladen hatte, wies Erich Joester eine mögliche Mitschuld des Krankenhauses an der Mordserie (H. steht im Verdacht von 2002 bis 2005 über 100 Menschen ermordet zu haben) zurück. „Das war nicht zu erkennen“, antwortete der Klinik-Anwalt auf die Frage, ob die Verantwortlichen nicht früher hätten misstrauisch werden müssen. Falls juristisch aber eine Mitschuld des Klinikums festgestellt würde, werde man sich natürlich der Verantwortung stellen. Dies schließe auch Entschädigungen für die Hinterbliebenen ein.

Von einer solchen Mitschuld ging der Anwalt allerdings nicht aus. Das Problem sei laut Joester, dass in einer Einrichtung, in der Leben gerettet wird, kein besonders großes Misstrauen herrsche. „Die Mitarbeiter haben Vertrauen zueinander“, betonte er. Hinzu kommt, dass Sonja G. Drumm, aktuelle Geschäftsführerin des Klinikums, klarstellte, dass Erzählungen und Fotos aus der damaligen Zeit eine völlig anderes Bild von Niels H. zeichnen, als jenes, das zurzeit in den Medien kursiert. „Er war bei den Mitarbeitern beliebt, medizinisch versiert, sympathisch und hatte eine gepflegte Erscheinung“, zählte Drumm auf. „Jeder Assistenzarzt war froh, wenn Niels H. da war, denn er konnte besser reanimieren, als mancher Arzt mit zittrigen Händen“, beschrieb Klinik-Anwalt Joester die Situation.

Ein weiterer Grund, warum das Klinikum nichts habe ahnen können, sei laut Joester die Tatsache, dass niemand damit gerechnet habe, dass der Ex-Pfleger Patienten mit dem Medikament Gilurytmal umbringt. „Es gab noch nie einen Krankenhaus-Massenmörder der seine Patienten mit Gilurytmal getötet hat. Wer hätte das ahnen können?“, fragte Joester.

Zudem wies Geschäftsführerin Drumm die Behauptung zurück, dass man generell Medikamente zum Zeitpunkt der Todesfälle noch nicht per Computer bestellt habe. Bereits 2002 habe es eine passwortgeschützte Bestellung gegeben. „Allerdings entsprachen die Passwörter nicht den Anforderungen an heute vergebene Passwörter“, musste Drumm zugeben.

Klar wurde, dass Ärzte die Medikamente bestellen, sie letztlich aber auf der Station auch für Pfleger wie Niels H. jederzeit zugänglich sind. „Das ist nicht anders zu organisieren und wird bei anderen Kliniken genauso gehandhabt“, rechtfertigte Joester die Vorgehensweise. Es sei nötig, dass Medikamente griffbereit sein müssen.

Überhaupt sieht Joester eine verbesserte Überwachung der Medikamente-Bestellung nicht als Ansatz, um zukünftig Massenmorde in Krankenhäusern zu verhindern. Er verwies auf Studien, die belegen, dass die Zahl von Krankenhaus-Massenmördern seit den 70er Jahren weltweit steigt.

Man müsse das Problem grundsätzlicher angehen. „Wir brauchen eine unabhängige Kontrolle von außerhalb“, forderte Joester. Dabei bezog er sich vor allem auf eine Erhebung der Sterberaten.

Eine Todes-Statistik aus der hervorgeht, wie viele Patienten auf welchen Stationen sterben, gibt es im Klinikum nämlich erst seit 2005 – eine gesetzliche Verpflichtung, eine solche Statistik zu führen, gibt es bis heute nicht.


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