SPD-Landtagsabgeordnete zu Besuch Erst seit gut 20 Jahren wieder jüdisches Leben in Delmenhorst

Pedro Becerra (li.) und Dr. Norbert Boese (re.) haben die Landtagsabgeordneten Hanna Naber und Deniz Kurku zum „jüdischen Rundgang“ eingeladen. Foto: Birgit StamerjohannsPedro Becerra (li.) und Dr. Norbert Boese (re.) haben die Landtagsabgeordneten Hanna Naber und Deniz Kurku zum „jüdischen Rundgang“ eingeladen. Foto: Birgit Stamerjohanns
Birgit Stamerjohanns

Delmenhorst. Die SPD-Landtagsabgeordneten Hanna Naber und Deniz Kurku haben sich über jüdisches Leben in Delmenhorst informiert. Momentan hat die Gemeinde 170 Mitglieder.

„Ich bin hier früher auf meinem Schulweg immer mit dem Fahrrad vorbeigefahren“, erinnert sich Deniz Kurku, „alles war völlig verwildert, das hat mich schon in der fünften, sechsten Klasse irgendwie berührt.“ Der Delmenhorster SPD-Landtagsabgeordnete meint den jüdischen Friedhof an der Syker Straße. Zur Schulzeit des heute 37-jährigen Politikers gab es praktisch kein jüdisches Leben in Delmenhorst, entsprechend heruntergekommen sah der im Jahr 1848 angelegte Friedhof aus: „Die Gemeinde kann echt stolz darauf sein, was daraus geworden ist.“

Besuch auf dem Friedhof

Kurku und seine Kollegin Hanna Naber, die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, hatten am Mittwoch Gelegenheit, den sonst verschlossenen Friedhof zu betreten. Eingeladen hatten sie der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Pedro Becerra, und Dr. Norbert Boese, der dem Freundes- und Förderkreis vorsitzt.

Bis zum Jahr 1997 gehörten die Delmenhorster Juden zur Oldenburger Gemeinde. „Als es hier in der Stadt los ging, haben wir in verschiedenen Schulen Gottesdienste gefeiert, weil es noch keine Synagoge gab“, so Pedro Becerra. Ihm sei es geradezu peinlich gewesen, dem damaligen Oberstadtdirektor Boese das heruntergekommene Gelände an der Syker Straße zu zeigen. Heute ist der Friedhof gepflegt, während des Rundgangs haken gerade zwei ehrenamtliche Helfer Laub zwischen den Gräbern. „Für viele ist der Delmenhorster Friedhof einer der schönsten überhaupt“, sagt Pedro Becerra. Eine Delmenhorster Besonderheit: Auf dem Friedhof dürfen auch Nicht-Juden beerdigt werden, beispielsweise Ehepartner von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Bis zum Jahr 1935 hatte es auf dem hinteren Teil des Friedhofs 128 Bestattungen gegeben, seit 1997 haben rund 60 Beisetzungen stattgefunden. „Momentan hat unsere Gemeinde 170 Mitglieder“, erzählt Becerra. Ende der 90er Jahre waren es noch rund 250: „Leider ziehen viele junge Leute zum Studium oder wegen des Berufs weg, unsere Gemeinde besteht vor allem aus Älteren“, so der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde.

Verbindungen nach Oldenburg

Norbert Boese ist seit 18 Jahren Vorsitzender des Freundeskreises: „Wir waren der erste Freundes- und Förderkreis einer jüdischen Gemeinde in Niedersachsen“, so Boese. Auch Parteien und Kirchen unterstützen die Initiative. „Hier kommt man zu Freunden“, bringt es Deniz Kurku auf den Punkt, „bei der Gedenkveranstaltung im November sind Vertreter aller Parteien und Verbände zusammengekommen, das ist immer ein sehr schönes Zeichen.“ Auch Hanna Naber freut sich, dass das jüdische Leben nach Delmenhorst zurückgekehrt ist, auch wenn es noch immer enge Verbindungen zur Oldenburger Gemeinde gibt. Naber ist als kulturpolitische Sprecherin auch mit dem Angriff auf die Synagoge in Halle im Oktober sowie mit weiteren Attacken gegen jüdisches Leben und Rechtsradikalismus befasst: „Es ist immer eine Abwägung – die einen fordern mehr Schutz für jüdische Einrichtungen, die anderen sagen, dass es nicht so weit kommen darf.“ Der Delmenhorster Friedhof ist videoüberwacht und außerdem für die Öffentlichkeit verschlossen.

Zum Abschluss ihres Rundgangs haben Naber und Kurku noch das Gemeindezentrum an der Louisenstraße besucht.


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