Zertifikate in Delmenhorst Wie die Integrationslotsen Migranten eine Brücke zur Gesellschaft bauen

Die 17 neuen Integrationslotsen erhielten bei einer Feierstunde in der VHS Delmenhorst ihr Zertifikat. Foto: Niklas GolitschekDie 17 neuen Integrationslotsen erhielten bei einer Feierstunde in der VHS Delmenhorst ihr Zertifikat. Foto: Niklas Golitschek

Delmenhorst. Sie haben bei ihrer Ankunft einst Hilfe erhalten und wollen nun selbst Hilfestellungen anbieten: 17 neue Integrationslotsen haben kürzlich ihr Zertifikat erhalten. Nach Angaben der Stadt ist das Konzept in dieser Form niedersachsenweit einmalig.

Rajya Hamza wohnt mit ihren Eltern erst seit elf Monaten in Delmenhorst. Trotz vieler Strapazen hat die 19-Jährige bereits viel Unterstützung erfahren. „Das ist eine tolle Stadt, ich bin zufrieden“, sagte Hamza, die zuvor acht Jahre lang in Dortmund wohnte. Die Integrationslotsen hätten ihr von Beginn an Mut zugesprochen und mit ihrer Hilfe Kraft gegeben. Gleiches wolle sie nun anderen Zugezogenen ermöglichen, weshalb sie selbst die 50 Unterrichtsstunden umfassende Schulung an der Volkshochschule absolvierte. Am Montagabend erhielten Hamza und 16 weitere Teilnehmer ihre Zertifikate als neue Brückenbauer im Netzwerk der ehrenamtlichen Integrationsarbeit.

Dass die elfte Runde des Integrationslotsen-Basislehrgangs wieder so viel Anklang fand, freute auch Lutz Gottwald von der Koordinierungsstelle Migration und Teilhabe der Stadt Delmenhorst. „Ihr ersetzt keine Hauptamtlichen – ihr seid eine tolle Ergänzung, auf die die Stadt sehr stolz ist“, sagte er. Auch der an diesem Abend verhinderte Oberbürgermeister Axel Jahnz schätze die „sehr wortvolle Arbeit“ der inzwischen mehr als 150 Integrationslotsen.

Eine intensive Zeit

Für die Dozentinnen Fatmanur Sakarya-Demirci und Zohreh Roushanpour sind die seit 2007 angebotenen Lehrgänge inzwischen vertraut, die Freude über die anhaltend große Resonanz war ihnen jedoch weiterhin anzumerken. „Wir hatten eine sehr intensive Zeit“, bilanzierte Sakarya-Demirci. Alle Teilnehmer hätten sich mit ihren Ideen und Erfahrungen eingebracht, sich untereinander vernetzt und neue Projekte vorgeschlagen; das Engagement sei sichtbar gewesen. „Das ist ein wichtiger Beitrag für die Stadt – und ihr seid jetzt gut gerüstet“, sagte sie.

Eine Entschuldung sprach dagegen erst einmal Roushanpour aus. „Es tut mir leid, dass ich bei der Fortbildung so streng war“, sagte sie und lachte; sie habe unter anderem sehr auf Pünktlichkeit beharrt. „Aber ihr habt es alle gut geschafft“, fuhr sie fort. Sie werde jedes Jahr stolzer, wenn sie sehe, wie viele Menschen sich in Delmenhorst engagierten.

Klassische persische Musik

Zur Verleihung der Zertifikate bekamen die Absolventen auch eine Live-Darbietung klassischer persischer Musik: Behzad Rooshanpour an der 72-saitigen Santur, die als Mutter des Klaviers gilt, und Mansoureh Zarandi an der Handtrommel boten zwischen den Ansprachen mehrere Einlagen.

Auch Britta Steidel aus Ganderkesee zählte zu den Absolventen. „Ich denke, dass das gebraucht wird“, sagte die Job-Coachin und Motivationstrainerin. Viele Migranten wüssten nicht, an welche Stellen sie sich wenden könnten, wenn sie Unterstützung benötigten. Die Integrationslotsen würden bei Bewerbungen und Lebensläufen ebenso wie Behördengängen unterstützen. „Sie vermitteln. Das ist hilfreich, um die Angst zu nehmen“, sagte sie.

Durch eben solche Unterstützung fasste auch Rajya Hamza mit ihrer Familie schnell Fuß in Delmenhorst. „Das war Papierkram ohne Ende – ich bin sechs Monate neben der Ausbildung zwischen Delmenhorst und Dortmund gependelt“, sagte sie. Dank der Integrationslotsen habe sie ihren Geschwistern Mut zusprechen und auch noch Freunden in Bremen helfen können. „Ich stehe hier überglücklich“, sagte sie nun mit dem Zertifikat in der Hand.

Nach Angaben der Stadt Delmenhorst ist das Konzept der Integrationslotsen in dieser Form niedersachsenweit einmalig. 14 der 17 Teilnehmer hatten in dieser Runde – wie in den vorherigen Lehrgängen auch - selbst eine Migrationsgeschichte. Aus den Augen werden sie sich nach dem Kurs nicht verlieren: An jedem ersten Donnerstag im Monat gibt es ein Lotsen-Treffen. Weil beim kommenden am 5. Dezember mehrere Teilnehmer erwartet werden, findet das nächste Treffen im Multifunktionsraum im City-Center statt.


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