Besonderer Austausch Wie die „Lebendige Bibliothek“ in Delmenhorst Vorurteile abbauen soll

Wollen Vorurteile abbauen (v.li.): Anette Melerski, Anika Schmidt, Ruth Steffens und Wiebke Machel. Foto: Marco JuliusWollen Vorurteile abbauen (v.li.): Anette Melerski, Anika Schmidt, Ruth Steffens und Wiebke Machel. Foto: Marco Julius

Delmenhorst. „Ich habe keine Vorurteile! Oder etwa doch?“ heißt ein besondere Gesprächsangebot, das in Kürze in der Stadtbücherei Delmenhorst gemacht wird. "Lebendige Bibilothek" heißt das Projekt.

Es ist eine etwas andere Ausleihe, die am Donnerstag, 21. November, von 16 bis 18 Uhr in der Stadtbücherei geboten wird. Die Bücher, die man sich entleihen kann, sind nämlich nicht aus Papier, sondern aus Fleisch und Blut. Echte Menschen eben, die sich Fragen stellen lassen zu ihrem Leben, Menschen, in denen man lesen kann, um das eigene Denken zu befördern. „Ich habe keine Vorurteile! Oder etwa doch?“ ist die Veranstaltung, die erstmals in Delmenhorst angeboten wird, überschrieben. Die Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“ lädt gemeinsam mit dem Kommunalen Präventionsrat (KPR) und der Stadtbücherei zu diesem besonderen Austausch ein.

„Vorurteile aufbrechen, die eigene Denkweise in Frage stellen, darum soll es gehen“, sagt Anika Schmidt, Leiterin der Stadtbücherei Delmenhorst. Neun „Bücher“, also neun Menschen mit ganz eigenen Geschichten, stehen zur Verfügung. Was sie eint, erläutert Wiebke Machel von der Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“: „Sie alle müssen sich immer wieder mit Vorurteilen und Stereotypen herumschlagen: die Frau, die früher Holger hieß, der Mann ohne festen Wohnsitz, das blinde Mädchen.“ Anette Melerski, ebenfalls von „Demokratie leben!“, betont, dass die Veranstaltung in einem geschützten Raum über die Bühne geht. „Das war ganz wichtig für die Menschen, die sich als ,Buch’, also als Gesprächspartner zur Verfügung stellen.“

20 Minuten im direkten Gespräch

Ein jüdischer Mann zum Thema Antisemitismus, eine konvertierte Muslima zum Thema Islamphopie, ein Feminist zum Thema Sexismus, ein Mann aus der Gruppe der Roma zu den Themen Rassismus und Antiziganismus, eine Frau mit Migrationshintergrund zum Thema Rassismus, eine Person aus dem Spektrum Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans, Inter und Queer zu den Themen Homophobie und Transphobie: Sie alle stehen bereit, um sich befragen zu lassen. „20 Minuten sind für ein Gespräch eingeplant, in denen sich ,Ausleiher’ und ,Buch’ miteinander unter vier Augen austauschen. Die ,Bücher’ kommen zum Teil aus Delmenhorst“, sagt Anette Melerski.

„Um Vorurteile abzubauen, ist das Gespräch der beste Weg. Im Gespräch können die eigenen Bilder im Kopf überprüft und möglicherweise korrigiert werden“, ist sich Wiebke Machel sicher. „Wir fragen zu wenig, trauen uns oft nicht, das Gespräch zu suchen, wenn wir etwas nicht kennen oder verstehen“, sagt auch Ruth Steffens vom (KPR). „Wir sind froh, dass es diese Form des Austausches, die viel emotionaler ist als ein Vortrag, jetzt in Delmenhorst gibt. Das Format bietet die Möglichkeit zur Selbstreflexion.“

Beleidigungen werden nicht geduldet

Die Macherinnen hinter dem Projekt gehen davon aus, dass sich die „Ausleiher“ gegenüber den „Lebendigen Büchern“ respektvoll verhandeln. Beleidigungen sollen jedenfalls nicht geduldet werden. Und eines ist auch klar: „Die ,Lebendigen Bücher’ entscheiden stets selbst, was sie erzählen möchten und was nicht.

Eingebunden ist auch das Gymnasium an der Willmsstraße. Für Schüler sind ein paar „Bücher“ bereits reserviert. Maximal sind rechnerisch 45 Gespräche möglich. Für die „Ausleihe“ kann man sich bis zum 17. November bei „Demokratie leben!“ anmelden. Entweder telefonisch unter (04221) 9813414 oder per E-Mail an demokratiekonferenz@diakonie-doll.de.

In anderen Städten gute Erfahrungen

„In anderen Städten, etwa in Bremen oder Oldenburg, hat sich das Format bereits etabliert. Sowohl ,Ausleiher’ als auch ,Bücher’ haben dort jeweils stets eine positive Bilanz gezogen“, sagt Anika Schmidt. Die Organisatorinnen sind sich einig: Sollte die Premiere erfolgreich verlaufen, könnte es jährlich eine Neuauflage geben. Für die Bücherei-Leiterin ist klar, dass die Veranstaltung ganz wunderbar in die Bücherei passt. „Wir sind ein Ort der gelebten Demokratie, bieten mit unseren Medien verschiedenen Sichtweisen.“

Podiumsdiskussion beschließt den Tag

Mit der „Lebendigen Bibliothek“ soll am 21. November nicht Schluss sein. Am selben Tag, nach einer kurzen Pause, geht es mit einer Podiumsdiskussion weiter, die für jeden offen steht und die ohne Anmeldung besucht werden kann,. „Wi(e)der das Vorurteil“ heißt es dann. Oberbürgermeister Axel Jahnz eröffnet die Diskussion, die von Libuse Cerna, Vorsitzende des Bremer Rates für Integration, moderiert wird, gemeinsam mit Anette Melerski. Auf dem Podium diskutieren dann unter anderem Rudolf Mattern, Fachbereichsleiter Jugend, Familie, Senioren und Soziales der Stadt, Frederike Schulze-Marmeling, Religionspädagogin an der Uni Oldenburg, Vincent-Immanuel Herr, Aktivist, Historiker und Feminist aus Berlin, sowie Ilka Christin Weiß, Beraterin für transgeschlechtliche Menschen im Trans Net OHZ.

Ruth Steffens sagt: „Es geht auf dem Podium um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Zudem soll klar werden, wie Vorurteile aktiv dekonstruiert werden können.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN