Mehrere Taten angeklagt Warum sich ein Delmenhorster Handtaschendieb vor Gericht schämt

Von Ole Rosenbohm

Mehrfach ist ein Delmenhorster wegen Diebstahls und auch wegen räuberischer Erpressung auffällig geworden. Symbolfoto: David Ebener/dpaMehrfach ist ein Delmenhorster wegen Diebstahls und auch wegen räuberischer Erpressung auffällig geworden. Symbolfoto: David Ebener/dpa

Delmenhorst/Oldenburg. Mehrfach ist ein Delmenhorster wegen Diebstahls und auch wegen räuberischer Erpressung auffällig geworden. Sein Fall wird nun vor dem Landgericht Oldenburg verhandelt. Bei seinen Taten ging er teilweise rücksichtslos vor. Allen Beteiligten ist klar: Der Mann braucht Hilfe.

Das Urteil wird in zwei Wochen gesprochen, in weiten Zügen steht es aber fest: Der drogenabhängige 45-Jährige wird in eine geschlossene Entziehungsanstalt eingeliefert. So beantragte es der Staatsanwalt, so will es die Verteidigung, so deutete es die Richterin an. Vielleicht seine letzte Chance, dem Martyrium der Heroin-, Kokain- und Alkoholabhängigkeit zu entkommen.

Angeklagter räumt Vorwürfe ein

Dass der Delmenhorster schwere Schuld auf sich genommen hat, darüber herrschte Einigkeit am Mittwoch in Saal 7 des Landgerichts Oldenburg. Auch beim Angeklagten: Er schäme sich, sagte er: gegenüber seiner Mutter, seinen Opfern, sich selbst. Die Vorwürfe räumte er voll ein: eine schwere räuberische Erpressung mit einer Waffe und zwei Handtaschen-Diebstähle.

Zunächst zog der 45-Jährige am 29. April in einem Delmenhorster Edeka-Markt die Tasche einer Kundin aus ihrem Einkaufswagen, flüchtete, nahm die 70 Euro Bargeld aus dem Portemonnaie und warf den Rest – mitsamt allen Ausweisen – in einen Mülleimer. Doch 70 Euro waren zu wenig für seinen täglichen Drogen-Bedarf. Also versuchte es der Delmenhorster zwei Stunden später in einem Inkoop-Markt nochmal. Hier aber bekam die Kundin den Diebstahl mit. Sie schrie, der Mann wurde von Kunden überwältig. 

Frau am Geldautomaten mit Elektroschocker bedroht

Wirklich strafrechtlich schwerwiegend war die Tat eine Woche später gegen Abend in einem Geldautomatenraum: Dort war eine 54-Jährige gerade dabei, 400 Euro abzuheben, als der Angeklagte zu ihr trat, sie mit einem Elektroschocker bedrohte und sich die Scheine griff. Auch diese Geschädigte nahm den Überfall nicht widerstandslos hin, rannte hinterher und ergriff sogar noch den Gepäckträger seines Fahrrades. Aber abermals drohte er mit dem Elektroschocker und entkam. Für diese Tat – bewertet als schwere räuberische Erpressung unter Einsatz einer Waffe – sieht der Gesetzgeber eine Mindestfreiheitsstrafe von fünf Jahren vor.

Räuber handelte aus Verzweiflung

So lange wird der Täter aber nicht bekommen. Vor allem weil er mit der Waffe sein Opfer nicht verletzte und wohl nicht verletzen wollte, auch weil er aus Verzweiflung handelte und er sich glaubhaft entschuldigte, beantragte der Staatsanwalt über einen sogenannten minder schweren Fall eine deutlich geringere Haftzeit. Zudem hatte die psychiatrische Sachverständige eine erhebliche Verminderung seiner Steuerungsfähigkeit diagnostiziert. Denn der Angeklagte wusste: Die drohenden Entzugserscheinungen werden fürchterlich. Ohne Heroin bekäme er Schmerzen, Krämpfe, fühle sich wie bei einer schweren Grippe, könne sich nicht mehr auf den Beinen halten, nichts essen, selbst den Stuhlgang nicht kontrollieren.

Heroin-Konsument seit 20 Jahren

Heroin raucht der 45-Jährige seit über 20 Jahren. Drei bis vier Gramm pro Tag brauchte er am Ende, dazu morgens Kokain zum Wachwerden, über den Tag verteilt drei bis vier Liter Bier und abends Marihuana zum Runterkommen. Geldbedarf: über 150 Euro täglich.

Konnte er die Drogen erst noch über seine Arbeit finanzieren, ging es mit ihm nach seiner Entlassung 2015 wegen eines Diebstahls rasant abwärts. Weitere Beschaffungstaten brachte ihn in den Knast, eine zunächst erfolgreiche Therapie bis Sommer 2018 erwies sich nach einem Rückfall als gescheitert. Der Mann endete in einer vermüllten Ein-Zimmer-Wohnung; eine „typische Bude eines absolut am Tiefpunkt angelangten Drogenabhängigen“, wie im Polizeiprotokoll anlässlich seiner Verhaftung drei Tage nach dem Überfall in der Bank-Filiale geschrieben ist.

Der Staatsanwalt beantragte zwei Jahre und drei Monate Haft und die Einweisung in die geschlossene Entzugsklinik (die dann anstelle des Gefängnisses tritt). In die wird er vermutlich noch am Tag des Urteils gebracht werden, um dort an seinem von ihm formulierten Langzeitziel zu arbeiten: „ein geregeltes, ordentliches Leben mit Arbeit und ohne Drogen – ohne den ganzen Mist“.


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