Lesung in Delmenhorst Die Poesie von "Sterben" am Fenster im Haus Coburg

Von Jasmin Johannsen

Das Motiv des Fensters vereint die Künstler: Vor den Bildern von Fredrik Værslev rezitierte Schauspieler Robin Sondermann Karl Ove Knausgårds Roman „Sterben“. Foto: Jasmin JohannsenDas Motiv des Fensters vereint die Künstler: Vor den Bildern von Fredrik Værslev rezitierte Schauspieler Robin Sondermann Karl Ove Knausgårds Roman „Sterben“. Foto: Jasmin Johannsen

Delmenhorst. Der eine ist Star der Kunstszene Norwegens, der andere Superstar der internationalen Literaturszene: Eine Lesung im Haus Coburg brachte Fredrik Værslev und Karl Ove Knausgård zusammen.

Das Fenster ist ein beliebtes Motiv in der Kunst, ob in der geschriebenen oder der gemalten. Für Einsamkeit kann es stehen, für Gefangenschaft oder Sehnsucht. Es lenkt den Blick in die Natur und in die Ferne – oder eben ins Nichts. Das Bild des Fensters war es auch, das den norwegischen Künstler Fredrik Værslev zu seiner derzeitigen Ausstellung „Fenstermalerei“ in der Städtischen Galerie Delmenhorst inspiriert hat. Seit dem 31. August und noch bis zum 20. Oktober sind seine großen, bemalten Sprossenfenster im Haus Coburg zu sehen. Einer, der sich auch immer wieder des Fenstermotivs bedient ist Karl Ove Knausgård, ebenfalls Norweger und seinerseits Superstar der internationalen Literaturszene. In einer Wandellesung durch die Ausstellung wurden die beiden Landsmänner am Sonntagnachmittag zusammengeführt. Vor 15 Zuhörern rezitierte der Schauspieler Robin Sondermann Passagen aus Knausgårds „Sterben“.  

"Vollgepisst und unerträglich stinkend"

Als einer der radikalsten Schriftsteller der Gegenwart gilt Knausgård seit 2009. Da veröffentlichte er den ersten Teil seines autobiografischen Schreibprojekts „Min Kamp“ (zu deutsch „Mein Kampf“) in Norwegen. Und weil der Titel für deutsche Leser unzumutbar erschien, erhielt der Roman hier den Titel „Sterben“. Schonungslos schreibt der Autor da über sein Leben, über seine Erfahrungen, das Versagen und vor allem über seinen alkoholkranken Vater. Einem Mann, dem er erst den Tod wünscht und nachdem dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, in eben dem gleichen Roman detailreich schildert, wie er zusammen mit seinem Bruder das vermüllte Haus des Vaters reinigt, wo kurz zuvor dessen Leiche von der sich ebenfalls in einem desolaten Zustand befindenden Großmutter gefunden wurde, „vollgepisst und unerträglich stinkend“.

Mit der Familie zerstritten

Dass diese Zurschaustellung des Innen- und Familienlebens polarisiert, ist wohl nur allzu verständlich. Mit seinen eigenen Verwandten hat sich der Erfolgsautor nach Erscheinen des Romans jedenfalls zerstritten. Eine gewisse Faszination üben die Einblicke allerdings aus, wohl nur so lässt sich seine große Fangemeinde erklären.

Fasziniert von Knausgårds Werk ist auch Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie Delmenhorst. Die Bücher hätten ihr bei dem Erlernen der norwegischen Sprache geholfen, erklärte sie. Für die Wandellesung hatte Reckert aus allen sechs Teilen der „Min Kamp“-Reihe Passagen herausgesucht. „Schlussendlich hat sie sich aber auf ‚Sterben‘ beschränkt“, sagte Aneta Palenga, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Städtischen Galerie.

Wenig Schockmomente, aber Poesie

Die Schockmomente, die sich in dem ersten Teil der Romanreihe allzu oft häufen, fielen bei Reckerts Auswahl weitgehend weg. Stattdessen kam Knausgårds poetische, metaphernreiche Sprache und seine zuweilen philosophischen Denkansätze so richtig zur Geltung. Robin Sondermann, der aus TV-Formaten wie „Tatort“ bekannt und langjähriges Ensemblemitglied des Theater Bremen ist, setzte die Texte dabei gekonnt und routiniert in Szene. Kein Wunder, schließlich verkörperte er Knausgård über mehr als drei Jahre hinweg, während das Theater Bremen den sechsbändigen Romanzyklus auf die Bühne brachte.


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