Fachtagung in Delmenhorst Der Not in der Pflege etwas entgegensetzen

Machen sich gemeinsam stark für Pflegeberufe (v.li): Axel Günther (AOK) und Dr. Johann Böhmann (Delmenhorster Institut für Gesundheitsförderung DIG). Foto: Marco JuliusMachen sich gemeinsam stark für Pflegeberufe (v.li): Axel Günther (AOK) und Dr. Johann Böhmann (Delmenhorster Institut für Gesundheitsförderung DIG). Foto: Marco Julius
Marco Julius

Delmenhorst. Eine Tagung im Delmenhorster Hanse-Wissenschaftskolleg soll aufzeigen, wie Fachkräfte in der Pflege gewonnen und gehalten werden können.

„Die Not ist groß“, sagt mit Blick auf den Bereich Pflege Dr. Johann Böhmann, Direktor des Delmenhorster Instituts für Gesundheitsförderung (DIG). Seit Jahren schon steht der Begriff Pflegenotstand im Raum. „Experten gehen davon aus, dass bundesweit aktuell 80.000 Pflegekräfte in den unterschiedlichen Sparten fehlen, bis ins Jahr 2030 könnten es 270.000 sein“, sagt Axel Günther von der AOK, der in der von Böhmann koordinierten Delmenhorster Expertengruppe „Gesundheitsregion des Landes Niedersachsen“ aktiv ist.

Verbesserungen anschieben

Das bundesweite Problem macht auch vor Delmenhorst nicht Halt. „Wir werden das Problem sicher nicht lösen können, aber wir wollen für Delmenhorst Verbesserungen anschieben“, sagt Böhmann. Vorbilder sieht er in Skandinavien und in den Niederlanden, wo die Pflege einen ganz anderen Stellenwert habe als in Deutschland. Ein Baustein für die Verbesserung soll dabei eine Fachtagung sein, die am Freitag, 25. Oktober, im HWK wichtige Impulse geben könne. Zentrales Thema ist laut Böhmann die Frage, wie man Fachkräfte für die Pflege gewinnen und bereits vorhandene Kräfte in Pflegediensten, Pflegeheimen und bei anderen Arbeitgebern im Gesundheitswesen halten kann.

„Wir müssen das Rad nicht neu erfinden“, sagt Günther. Es gehe mehr darum, die Beteiligten aus den Delmenhorster Netzwerken zusammenzubringen, um Lösungen zu finden. Und darum, einen Imagewandel im Bereich der Pflege herbeizuführen. „Pflege gilt zurzeit als reiner Kostenfaktor. Dazu kommt eine extrem hohe Arbeitsbelastung, viele empfinden die Arbeitsbelastung als katastrophal. Auch die Bezahlung stimmt oft nicht“, sagt Böhmann.

"Wunderbarer Beruf mit viel Verantwortung"

Die Infoveranstaltung im HWK soll aufzeigen, wie man als Arbeitgeber potentiellen Bewerberinnen und Bewerbern „authentisch und überzeugend begegnen kann“. Denn der Pflegeberuf, der einen ganz nah an den Menschen lasse, der eine Schnittstelle sei zwischen Patient, Angehörigen und Ärzten, der sei noch immer ein wunderbarer Beruf mit viel Verantwortung, sagt Böhmann.

Die Veranstaltung für Fachleute nimmt auch die fortschreitende Digitalisierung der Gesundheitsbranche ins Visier. Am Beispiel Personalgewinnung will Sabine Röseler Wege aufzeigen, die „digitale Transformation mit einer sozialen Transformation“ zu unterstützen. Mitarbeiter begeistern und entlasten, lautet dabei das Motto. Röseler arbeitet als Geschäftsführerin beim Verein Gesundheitswirtschaft Nordwest und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Führungsfragen im Gesundheitswesen.

Digitale Lösungen einführen

Dr. Peter Bleses wird am Beispiel des Projektes „KoLege“ darstellen, wie digitale Lösungen langsam und mit den Beschäftigten gemeinsam eingeführt werden können. Er ist Leiter der Forschungsabteilung „Perspektiven nachhaltiger Beschäftigungsfähigkeit“ am Institut Arbeit und Wirtschaft der Arbeitnehmerkammer Bremen und der Uni Bremen.

Böhmann und Günther sind sich sicher, dass Delmenhorst großes Potential besitzt. „Als Stadt der kurzen Wege“, wie es Günther formuliert, und als Standort mit starkem Ausbildungszweig in der Pflege, wie Böhmann mit Blick auf die Pflegeschule am Josef-Hospital Delmenhorst, auf Ausbildungszweige an der BBS II, am IWK (Institut für Weiterbildung in der Kranken- & Altenpflege) und am Stephanus-Stift sagt.

Zusätzliche Kräfte gewinnen

„Wir bleiben bescheiden, wir wissen, dass wir erst einmal nur den Mangel verwalten können. Unser Ziel ist es, zehn bis fünfzehn Menschen im Jahr zusätzlich für die Arbeit in der Pflege zu gewinnen“, sagt der ehemalige Chefarzt der Kinderklinik. Ein Imagewandel müsse dafür her. „Pflege ist heute viel mehr als das Herumtragen von Bettpfannen“, betont Böhmann. „In der Pflege kann man gestalten, helfen, etwas bewegen. Die Arbeit kann erfüllend sein“, ist sich Günther, selbst ausgebildete Pflegefachkraft, sicher. Unter dem Dach der Gesundheitsregion Delmenhorst wolle man dabei beratend aktiv werden.


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