Urteil vor dem Landgericht Suche nach Schläger bringt Delmenhorster Bewährungsstrafe ein

Er hatte einen Schläger finden wollen, der seinen Vater angegangen hatte. Doch seine Suche eskalierte – und brachte den 35 Jahre alten Delmenhorster letzten Endes hinter Gitter. Symbolfoto: Jörn MartensEr hatte einen Schläger finden wollen, der seinen Vater angegangen hatte. Doch seine Suche eskalierte – und brachte den 35 Jahre alten Delmenhorster letzten Endes hinter Gitter. Symbolfoto: Jörn Martens
Jörn Martens

Delmenhorst/Oldenburg. Er hatte einen Schläger finden wollen, der seinen Vater angegangen hatte. Doch seine Suche eskalierte – und brachte dem 35 Jahre alten Delmenhorster letzten Endes eine Bewährungsstrafe ein.

Der Faustschlag gegen den Vater hatte im Januar 2018 die Familie aufgerüttelt: In ganz Delmenhorst suchten Männer nach dem mutmaßlichen Übeltäter und bedrohten dabei drei völlig Unbeteiligte. Jetzt hat eine Berufungskammer des Landgerichts Oldenburg einen dieser Männer, einen 35-jährigen aus dem Libanon stammenden Delmenhorster, zu neun Monaten Haft auf Bewährung wegen zweifacher Nötigung verurteilt. Die Kammer verringerte das erstinstanzliche Urteil damit um einen Monat.

Vater des Beklagte musste Faustschlag hinnehmen

Entzündet hatte sich die Angelegenheit an einer Ampel am Bahnhof, wo der Vater des 35-Jährigen einen Faustschlag eines Afghanen hinnehmen musste. Per Telefon alarmiert, liefen Verwandte herbei, auch der aufgebrachte Angeklagte, der anfangs dachte, sein Vater habe ein Augenlicht verloren – ein Irrtum.

Von nun an war der 35-Jährige an diesem Tag in drei Situationen mit angeklagten Straftaten verwickelt: Vor Ort am Bahnhof soll er gegen einen Polizisten Widerstand geleistet haben. Dann soll er mit zwei anderen in einem Flüchtlingsheim einen Bewohner attackiert haben, um den Aufenthaltsort des Afghanen zu erhalten. Und schließlich soll er mit einer größeren Gruppe auf dem Parkplatz eines Cafés zwei weitere Männer bedroht, geschlagen und fast in Geiselhaft genommen haben, um herauszufinden, wo der mutmaßliche Schläger sich aufhielt. Dieser war derweil aus Angst nach Bremen geflüchtet. Den Streit der beiden hatte übrigens zwischendurch ein Imam der gemeinsamen Moschee geschlichtet.

"Keine Bürgerpflicht, Schläge von der Polizei hinzunehmen"

Längst nicht alle Vorwürfe ließen sich aufrechterhalten. So zeigte eine Videoaufnahme des Polizeieinsatzes am Bahnhof, dass der Angeklagte sich zwar von einem Polizisten losriss, aber erst nach einem Schlag mit dem Knüppel des Beamten. Es sei keine Bürgerpflicht, Polizei-Schläge hinzunehmen, befand sein Verteidiger Jan Sürig. Das Gericht sah es ähnlich – zumal der 35-Jährige die Verfolgung des Afghanen abbrach.

Strittig auch der abendliche Vorfall vor dem Café: Der Angeklagte sagte, er habe nur beruhigen wollen, das Gericht sah es aber so, dass er mit zu den Drohenden gehörte. Zwar ließ es die angeklagte Körperverletzung fallen, es blieb aber die mittäterschaftliche Nötigung.

Anwalt wirft Polizei Sippenhaft-Denken vor

Keine Rolle im Urteil spielten Vorwürfe des Verteidigers gegen die Delmenhorster Polizei. Die agiere, so Anwalt Sürig, voreingenommen und mit unverhältnismäßigen Einsätzen gegen seinen Mandanten und dessen Familie. Ein Polizist habe vor dem Amtsgericht sinngemäß ausgesagt, die Familie begehe durchweg Straftaten. Für Sürig ein Sippenhafts-Vorwurf und ein „Kerngedanke aus dem Nazi-Strafrecht“. Sein Mandant indes ist mehrfach vorbestraft, eine Verbindung zur organisierten Kriminalität lässt sich aus den Verurteilungen allerdings nicht herleiten.


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