Mutter und Ex-Partner angeklagt Bewährungsstrafen für Kindesmissbrauch in Delmenhorst

Zwei Angeklagte, eine Mutter und ihr Ex-Partner, sind wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes verurteilt worden. Ins Gefängnis müssen sie nicht. Symbolfoto: Jörn MartensZwei Angeklagte, eine Mutter und ihr Ex-Partner, sind wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes verurteilt worden. Ins Gefängnis müssen sie nicht. Symbolfoto: Jörn Martens

Delmenhorst. Eine Mutter und ihr Ex-Partner haben eine Neunjährige mehrfach sexuell missbraucht. Beide kamen am Mittwoch vor dem Landgericht Oldenburg mit Bewährungsstrafen davon. Vor allem die Justiz hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Durch ihre Versäumnisse wurde der Fall über Jahre verschleppt.

Das Opfer schwer traumatisiert, die Täter auf Bewährung: Das Landgericht Oldenburg hat am Mittwoch ein Urteil über eine Mutter (41) und ihren Ex-Partner (52) wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs der zu Tatzeiten neunjährigen Tochter der Frau gefällt. 16 Monate Freiheitsstrafe wegen zweifachen sexuellen Missbrauchs sowie Beihilfe durch Unterlassen für die Mutter aus Delmenhorst, zwei Jahre Haft wegen elfmaligen Missbrauchs für ihren Ex-Partner aus Bremen - allerdings auf Bewährung.

Beide bleiben also frei. Die Gründe für die Bewährungsstrafe: Die Taten liegen schon sechs Jahre zurück, die Angeklagten leben seitdem straffrei, Wiederholungsgefahr scheide allein durch die Beendigung der Familienkonstellation aus. Und die Angeklagten ersparten dem Opfer durch ihre Geständnisse eine Aussage im Gerichtssaal.

Ex-Partner der Mutter schoss Nacktbilder von ihrer Tochter

Der 52-Jährige hatte zugegeben, das Mädchen dreimal am Geschlechtsteil berührt und pornografische Bilder von ihr geschossen zu haben. Die Mutter machte mit. Sie ist auf zu zwei unterschiedlichen Zeiten gemachten Fotos zusammen mit dem Mädchen ebenso nackt und in ähnlichen Posen zu sehen. Eine Polizistin sagte aus, das Mädchen habe in einer Vernehmung vor sechs Jahren gesagt, sie hätte das als eklig empfunden. So wie die Berührungen. Nach dem ersten Mal hatte das Mädchen der Mutter davon erzählt, die aber unternahm nichts, obwohl sie gesetzlich verpflichtet gewesen wäre, die Tochter zu schützen. Sie müsse nun mit der moralischen Schuld leben, als Mutter in diesem Bereich versagt zu haben, sagte der Vorsitzende Richter Dirk Reuter.

Vergewaltigung kann Mann nicht nachgewiesen werden

Wie sich abgezeichnet hatte: Die schweren angeklagten Vergehen kamen nicht zur Verurteilung. Eine Vergewaltigung bestritt der 52-Jährige, sie konnte ihm vor allem wegen des langen Zeitablaufs auch nicht mehr nachgewiesen werden. Ebenso wie das Erstellen von kinderpornografischen Fotos zum Zwecke der Verbreitung. Die Fotos seien ausschließlich für private Zwecke gedacht gewesen, sagte der Angeklagte. Widerlegen kann ihm das niemand. Staatsanwaltschaft, Verteidigung, auch die Anwältin des Opfers sowie das Gericht selber sahen die rechtliche Bewertung in allen Fällen ähnlich.

Sechs Jahre bis zur Anklage

Ebenfalls unstrittig ist: Die lange Zeit zwischen erster Strafanzeige (2012, nachdem ein pornografisches Foto des Kindes im Internet aufgetaucht war) und Anklageerhebung vor dem Landgericht (Februar 2019) hat dem Opfer extrem geschadet. So konnte es wegen des vermeintlich anstehenden Prozesses zunächst nicht therapiert werden – die Aussage des 2013 vom Jugendamt aus der Familie genommenen Mädchens sollte authentisch bleiben. Die Gründe für die Verfahrensdauer: Krankheitsfälle bei der Polizei, aufwändige Daten-Auswertungen und wechselnde Zuständigkeiten zwischen den Staatsanwaltschaften in Oldenburg und Bremen. Aber ab 2015 passierte zwei Jahre lang gar nichts. Richter Reuter ließ für die Seite der Justiz eine Entschuldigung ans Opfer ausrichten. 

Das Opfer wird lange brauchen, das Geschehene und die brutalen Loyalitätskonflikte zu verarbeiten. Dass es unter erheblichen Folgen leiden würde, habe sich aus der Verhandlung ergeben, erkannte das Gericht. Einen kausalen Zusammenhang zwischen Taten und erheblicher Schädigung ihrer Entwicklung – der zu einer höheren Verurteilung geführt hätte – konnte es aber nicht feststellen. Auch dafür war zu viel Zeit vergangen.


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